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Günter Helmes schrieb uns am 29.02.2024 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Marcus Neuert: Nur bedingt überzeugend
Carlo Masalas militärpolitische Aussagen in „Bedingt abwehrbereit“ liefern über einige erhellende Einblicke in die Strukturprobleme der Bundeswehr hinaus kaum etwas Neues

Wenn die Unterstellung, der Krieg Russlands gegen die Ukraine solle ggf. unter der Hand gerechtfertigt werden (Sie tun es zum Schluss wieder!), keine Diskreditierung ist, Herr Müller, dann ...
Sie mögen verstehen: Es geht um Verstehen im Sinne von Begreifen, nicht um Verständnis und Rechtfertigung.
Und m.E. geradezu aberwitzig. Mit Frau Wagener und der neuen, bellizistischen und selbstverständlich Werte geleiteten Berliner 'Union der festen Hand' (man sieht Letzteres ja an den Waffenlieferungen nach Saudi Arabien, einem Land, das Oppositionelle auspeitscht, köpft, auch schon mal zerstückelt) als Kronzeugen verlangen Sie im Sinne eines Junktims, eines Oktroys nach Kontextualisierung des Protests gegen Israels Vorgehen in Gaza und anderen Orts,
Neuert hingegen machen Sie zum Vorwurf, dass er kontextualisiert, hinterfragt und in Erinnerung ruft.
Erstaunlich, wie flexibel Sie mit Maßstäben umgehen ...

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Karl-Josef Müller schrieb uns am 28.02.2024 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Marcus Neuert: Nur bedingt überzeugend
Carlo Masalas militärpolitische Aussagen in „Bedingt abwehrbereit“ liefern über einige erhellende Einblicke in die Strukturprobleme der Bundeswehr hinaus kaum etwas Neues

"Mittel der Diskreditierung sind Verleumdung, Indiskretionen oder das Verbreiten von Gerüchten."
(https://de.wikipedia.org/wiki/Diskreditierung)
Es tut mir leid, ich kann nicht erkennen, wo und wie ich Sie  diskreditiert haben soll; auch gehe ich davon aus, dass die Redaktion der literaturkritik diskreditierende oder beleidigende Beiträge nicht veröffentlichen würde, wir befinden uns - Gott sei Dank - nicht in den (a)sozialen Medien.
Ich möchte nunmehr abschließend nochmals auf den Vorwurf in Sachen Berlinale eingehen. "Die maßlosen, mit Einschüchterungsversuchen einhergehenden Reaktionen der Roth, der Scholz, der Söder und anderer auf Waffenstillstand fordernde Teilnehmer und Teilnehmerinnen der
Berlinale zeigen, wie groß nach wie vor der diesbezügliche Klärungsbedarf ist." Wie soll man diese Einschätzung sachlich einordnen? Welches Maß ist Ihnen Recht, Herr Helmes, wenn es um Kritik geht?
Ich möchte mich dem Kommentar von Frau Monika Wagener anschließen, gesendet am 26. 2. 24 in den "Tagesthemen". Ich zitiere einen der ersten Sätze des Kommentares, der gesamte Beitrag ist noch online zu sehen (https://www.ardmediathek.de/video/Y3JpZDovL3RhZ2Vzc2NoYXUuZGUvMDQ2YWQ2MmEtNDJiNC00ZDM5LTg0MzMtMzViOGIzY2I2NDZlLVNFTkRVTkdTVklERU8):
"Ist es erlaubt,  sich für einen Waffenstillstand im Gazastreifen einzusetzen? Natürlich." Kritik an Israels Vorgehen in Gaza, so Frau Wagener, ist weder verboten noch antisemitisch. Verbunden werden sollte, ja muss sie allerdings werden mit dem Hinweis auf die Ereignisse vom 7. Oktober verganenen Jahres, worauf die Kommentatorin ausführlich hinweist. Und Erwähnung finden muss in diesem Zusammenhang auch, wes Geistes Kind die Hamas ist, auch daran erinnert Frau Wagener.
In Sachen Ukraine kann ich nur nochmals wiederholen: Aus meiner Sicht verfälscht jeder Versuch, auch nur im Ansatz den unmenschlichen Charakter des russischen Angriffskrieges zu relativieren, die Wahrheit. Dazu nochmals ein Zitat von Herrn Neuert: "Kein Wort zu Deutschlands diplomatischer Mitschuld an mehr als 12.000 meist zivilen Opfern durch eine Regierung in Kiew, die acht lange Jahre im Südosten des Landes de jure ihre eigene Bevölkerung unter Feuer nahm. Zur Erinnerung: Syriens Assad solches (zu vollem Recht!) vorzuwerfen, hatten die gleichen Verantwortlichen keine Probleme."

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Günter Helmes schrieb uns am 28.02.2024 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Marcus Neuert: Nur bedingt überzeugend
Carlo Masalas militärpolitische Aussagen in „Bedingt abwehrbereit“ liefern über einige erhellende Einblicke in die Strukturprobleme der Bundeswehr hinaus kaum etwas Neues

Der Eindruck, den ich vor einigen Monaten in der Debatte um Robert Habecks Rede zu Israel und dem Antisemitismus gewann, erhärtet sich: Unter der Hand, Herr Müller, arbeiten Sie mit Zuschreibungen, die textlich  nicht gedeckt sind, den anders Denkenden, in dem Falle mich, aber diskreditieren - diskreditieren sollen? Oder sind diese Zuschreibungen nur Ausdruck mangelhaften sinnentnehmenden Lesens? Wo steht bei mir, bei Herrn Neuert, und sei es auch nur zwischen den Zeilen, dass Russlands Krieg gegen die Ukraine gerechtfertigt werden soll?

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Petra Brixel schrieb uns am 28.02.2024
Thema: Rolf Löchel: Am Kaffeehaustisch mit Hermann Bahr und Peter Altenberg
Dirk Liesemer besucht die Boheme im „Café Größenwahn“

Vielen Dank an Rolf Löchel für diese kritische und detailreiche Rezension. Es ist davon auszugehen, dass die "Bohème" noch viele Bücher gebären wird, denn zu spannend und illustre ist doch das Thema und ist bzw. war vor allem die damalige Gesellschaft. Sicher schwingt in allen neuzeitlichen Werken auch ein bisschen Neid oder Sehnsucht mit: Warum kann es heute nicht mehr so schaurig-libertär-alternativ sein? Wenn nun auch noch das Kiffen freigegeben wird, was bleibt uns dann?
Gut ist der Hinweis darauf, dass sich die Caféhaus-Kultur bzw. -gesellschaft nur auf einen ganz bestimmten und zudem vergleichsweise winzigen Teil der Gesellschaft erstreckte. Der gutbürgerliche und vor allem der sehr hart arbeitende Teil
("Proletariat") der Nation huldigte nicht dem Café Größenwahn.
Was die Details zu Otto Gross angehen, so gehören sie zu der Problematik des Auswählens. Eine vollständige Biografie von OG - als Beispiel für andere Biografien - würde ein Buch mit dem Anspruch des obigen Titels überfordern. Und so ist auch hier - wie oftmals bei komplexen Persönlichkeiten - nur das zitiert, was dem Autor (!) wichtig erschien. (Vielleicht sagt das mehr über den Autor als über Otto Gross aus.) Es ist "Künstlerfreiheit", doch in diesem Fall bedauerlich, nicht auf biografische "Schwachstellen" hinzuweisen. Löchels Kritik lässt sich noch hinzufügen: Sexueller Missbrauch, Pädophilie und andere "Kavaliersdelikte", die heutzutage offen thematisiert und scharf verurteilt werden, erscheinen auf die Vergangenheit bezogen eher als Aperçus. Dass immer noch verwerfliche Handlungen der Vergangenheit mit  einem Augenzwinkern durchgehen, daran ist zu erkennen, wie  viel Bewusstseinsarbeit zu leisten ist, auch in der Literatur.
Und dass Sofie Benz mal mit "f", mehrheitlich mit "ph" geschrieben wird, lässt sich kaum ändern, nicht einmal, nachdem Sofie Benz` Biografie erschienen ist. Auf ihrer Geburtsurkunde steht Sofie, aber auch Otto Gross schrieb in seinen Briefen an sie: Sophie. Es scheint "wurscht" zu sein, damals wie heute.
Anzumerken ist bei dieser Gelegenheit, dass Sofie Benz und Otto Gross nicht auf dem Monte Verità gelebt haben, sondern immer in Ascona in der Trattoria delle Isole (heute Hotel Tamaro), und dass Sofie nur zum Blumenpflücken auf den Wahrheitsberg kam. Aber auch diese Differenzierung wird sich kaum durchsetzen,  solange nicht erkannt wird, dass oben auf dem Monte Verità die Aussteiger lebten, die sich von der Welt zurückgezogen hatten, und unten, in Ascona, die Anarchisten waren, die Weltverbesserer, die wieder in die Welt hinausgehen wollten.
Dies nur als kleiner Beitrag zur Differenzierung, angeregt durch Löchels Rezension.

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Günter Helmes schrieb uns am 28.02.2024
Thema: Berlinale

Im November/Dezember letzten Jahres wurde an dieser Stelle über Robert Habecks Rede zu Israel und Antisemitismus diskutiert.
Von meiner Seite wurde kritisch zu dieser Rede bemerkt, dass sie nicht deutlich mache, was unter Antisemitismus zu verstehen sei und was nicht. Das sei insofern zu bedauern, weil jede Kritik an der Palästinenser-Politik Israels, insbesondere der aktuellen Netanjahus, mit dem Totschlagargument „Antisemitismus“ zurückgewiesen werde.
Die maßlosen, mit Einschüchterungsversuchen einhergehenden Reaktionen der Roth, der Scholz, der Söder und anderer auf Waffenstillstand fordernde Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Berlinale zeigen, wie groß nach wie vor der diesbezügliche Klärungsbedarf ist. Und wie
wichtig es ist, das Recht auf freie Meinungsäußerung – selbstverständlich innerhalb der Grenzen unserer Verfassung – zu verteidigen.

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Karl-Josef Müller schrieb uns am 28.02.2024 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Marcus Neuert: Nur bedingt überzeugend
Carlo Masalas militärpolitische Aussagen in „Bedingt abwehrbereit“ liefern über einige erhellende Einblicke in die Strukturprobleme der Bundeswehr hinaus kaum etwas Neues

Diese Einwände kann ich nicht nachvollziehen. Es geht nicht darum, im Recht zu sein. Wir alle sind auf öffentlich zugängliche Informationen angewiesen, wenn es um politische Zusammenhänge geht. Und anhand dieser mir wie uns allen zugänglichen Informationen komme ich zu der Ansicht, dass es nicht sein kann, die russischen Verbrechen, mit welchen Argumenten auch immer, zu rechtfertigen. Ich erspare es mir, die Untaten des Herrn Putin seit seiner Amtseinführung aufzuzählen. Stalin lässt grüßen.

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Günter Helmes schrieb uns am 27.02.2024 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Marcus Neuert: Nur bedingt überzeugend
Carlo Masalas militärpolitische Aussagen in „Bedingt abwehrbereit“ liefern über einige erhellende Einblicke in die Strukturprobleme der Bundeswehr hinaus kaum etwas Neues

In wessen Namen schreiben Sie, Herr Müller, wenn Sie von "Wir" sprechen? Wo liegt Ihrer Legitimation, wenn Sie dieses "Wir" verwenden? Fühlen Sie sich auf der Seite einer - behaupteten - Mehrheit, die als solche stets - selbstverständlich nicht - immer Recht und Wahrheit auf ihrer Seite zu haben glaubt? Oder geht es Ihnen, rhetorisch plump, einfach nur darum, Herrn Neuert ins per se unglaubwürdige Abseits zu stellen? "Intellektuelle Unabhängigkeit": Die 'einfach mal so' anzunehmen, ist ehrenwert, wenn auch nur bedingt realitätsnah. Und: Ist es nicht ein 'alter Hut', dass zum Streit immer zwei gehören? Was also haben sie gegen die von Neuert beklagten "allzu einseitigen Schuldzuweisungen"? Wie gut im Übrigen, dass Sie Herrn Masala aus dem TV kennen und für informiert halten, stichhaltige Argumente sind immer willkommen.

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Rüdiger Schnell schrieb uns am 27.02.2024
Thema: Walter Delabar: Man muss diesen Typen nur auf die Klamotten sehen
Rainer Bieling packt Masha Gessen in die große Kommunismuskiste

Die überschwängliche Zustimmung von Günter Helmes zu der Besprechung von Walter Delabar ist durch die Gleichsinnigkeit der Positionen erklärlich. Man freut sich immer, wenn man sich bestätigt fühlt. Der Apologie von Gessens Ausführungen durch Delabar kann ich nichts abgewinnen. Mir sind alle Versuche einer Gleichstellung von Holocaust und Gazakrieg oder von Gaza- und Ukrainekrieg suspekt. Wenn schließlich als einziges tertium comparationis die Tötung von Kindern angeführt wird, bedeutet dies meines Erachtens eine Ausklammerung aller politischen Implikationen. Aber ich habe gelernt: In diesem brisanten verminten  politischen Gelände ist niemand bereit, sich durch Gegenargumente von eigenen Überzeugungen abbringen zu lssen. Insofern hat meine Stellungnahme keinen anderen Zweck als den, aktenkundig zu machen, dass nicht alle Leser von literaturkritik.de mit Delabars Kommentar einverstanden sind.
Im Übrigen möchte ich bei dieser Gelegenheit anmerken, dass meinem Eindruck nach in literaturkritik.de vor allem linkslastige Besprechungen erscheinen. Doch ich ertrage es mit Fassung.

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Rüdiger Schnell schrieb uns am 27.02.2024 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Marcus Neuert: Nur bedingt überzeugend
Carlo Masalas militärpolitische Aussagen in „Bedingt abwehrbereit“ liefern über einige erhellende Einblicke in die Strukturprobleme der Bundeswehr hinaus kaum etwas Neues

Ich kann mich der kritischen Stellungnahme von Herrn Müller nur anschließen. Wer, wie der Rezensent Neuert, die Forderung nach einer Verteidigungsfähigkeit Deutschlands als etwas bezeichnet, was "für die Zukunft nichts Gutes ahnen lässt", reiht sich in die Denkwelt der pazifistischen Linken ein. Eine angemessene realistische Beurteilung der aktuellen Bedrohungslage durch den russischen Aggressor Putin wird dadurch unmöglich. Die Pazifisten träumen von Verhandlungen, von Waffenstillstand, vom Frieden. Doch Putin verfolgt eine andere Agenda: erst die Vernichtung der Ukraine, dann könne man über Frieden reden. Und wo, bitteschön, soll dann Frieden herrschen? Wohlgemerkt in den von Russen besetzten Gebieten.

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Karl-Josef Müller schrieb uns am 27.02.2024
Thema: Marcus Neuert: Nur bedingt überzeugend
Carlo Masalas militärpolitische Aussagen in „Bedingt abwehrbereit“ liefern über einige erhellende Einblicke in die Strukturprobleme der Bundeswehr hinaus kaum etwas Neues

Beim Lesen einer Rezension sind wir darauf angewiesen, dass der Rzensent Geist und Inhalt des besprochenen Textes glaubwürdig widergibt. Bevor wir nicht selbst das besprochene Werk gelesen haben, sind wir auf eben diese Glaubwürdigkeit angwiesen.
Carlo Masala kenne ich aus mehreren Auftritten im TV. Er erweckt den Eindruck zu wissen, wovon er redet. Und das gesteht Marcus Neuert ihm auch zu, wenn es um den Zustand der Bundeswehr geht.
Dass es in diesem Buch in erster Linie um den brutalen Angriffskrieg des Potentaten in Russland geht, verwundert mich nicht. Aufgrund aller Informationen, die mir über öffentliche seriöse Medien zugänglich sind, gibt es für diesen Krieg keinerlei Rechtfertigung.
Anders sieht dies offensichtlich Marcus
Neuert. Darf man es perfide nennen, wenn er die intellektuelle Unabhängigkeit Masalas nicht offen, aber doch hinter kaum vorgehaltener Hand anzweifelt, indem er ihn einen "Staatsbediensteten" nennt? Nebenbei bemerkt: Meines Wissens sind alle Professorinnen und Professoren, egal welcher Fachrichtung, eben solche Staatsbedienstete. Er zieht Masalas Unabhängigkeit gegenüber "seinem Arbeitgeber" in Zweifel.
Damit bereitet Neuert das Feld für seine These, die ja nun auch nicht gerade neu ist, von der "allzu einseitigen Schuldzuweisungen an die Adresse Russlands bezüglich der langjährigen Entwicklungen um die Ukraine". Weiter: "Dass jedoch auch die Ukraine kein echtes Interesse an der Umsetzung von Minsk II hatte, wird höflich verschwiegen." Offensichtlich ist Herr Neuert bestens informiert über die komplexen Zusammenhänge, die schließlich in letzter Konsequenz zum Massaker von Butscha führten.
Ein Land wird angegriffen und ein Teil seines Staatsgebietes vom Feind besetzt. Es folgen Friedensverhandlungen, die in eine Abkommen münden, das den Feind quasi belohnt, indem er nicht gezwungen wird, die widerrechtlich eroberten Gebiete zurückzugeben. Wir würden gerne belegt wissen, dass die Ukraine "kein echtes Interesse an der Umsetzung von Minsk II hatte", und wir würden von Herrn Neuert gerne wissen, was genau er unter der "allzu einseitigen Schuldzuweisungen an die Adresse Russlands" versteht. Handelt es sich hier nicht um das mittlerweile nur zu bekannte Phänomen der Täter-Opfer-Umkehr?
Ich erspare mir weitere Zitate. Die Argumentation des Rezensenten beleidigt in meinen Augen die Opfer dieses Krieges, und zwar die auf ukrainischer wie gleichermaßen die auf russischer Seite. Kein russischer oder ukrainischer Soldat hat es verdient, in diesem von einem Despoten angeordneten Krieg sein Leben zu verlieren, ganz zu schweigen von den zivilen Opfern in der Ukraine.

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Günter Helmes schrieb uns am 26.02.2024
Thema: Walter Delabar: Man muss diesen Typen nur auf die Klamotten sehen
Rainer Bieling packt Masha Gessen in die große Kommunismuskiste

Herzlichen Dank für diesen wunderbar geschriebenen Beitrag, lieber Walter Delabar!

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Kathrin Witter schrieb uns am 08.02.2024
Thema: Jan Süselbeck: Der dröhnende Klang der Abrissbirne
Über die globale Krise der Germanistik und die Frage, was das Fach in Deutschland von den German Studies in Nordamerika lernen könnte

Der hier als Leserbrief publizierte Text wurde entfernt, da er von der Verfasserin als Artikel gedacht war und aus einem Missverständnis heraus in Form des Leserbriefs veröffentlicht wurde.

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Günter Rinke schrieb uns am 02.02.2024
Thema: Lutz Hagestedt: Vor der Satire gibt es keinen Welpenschutz
Gerhard Henschel verfasst den erhofften neuen deutschen Schelmenroman

Vielen Dank, Herr Hagestedt, für diese wunderbare Rezension! Selten bei der Lektüre einer Rezension so gelacht - und man hat in diesen Zeiten ja nicht viel zu lachen. Jedenfalls macht Ihr Text ganz viel Lust auf das Buch.

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Petra Brixel schrieb uns am 19.01.2024
Thema: Rainer Bieling: Masha Gessen und das große Vergessen des Totalitären
Die jüdisch-russische US-Autorin hätte gar nicht erst für den Hannah-Arendt-Preis in Betracht gezogen werden sollen

Rainer Bieling kennt Masha Gessen, da sie bei einer Veranstaltung in Berlin vor ihm saß. Immerhin. Und: Rainer Bieling mag Masha Gessen nicht. Das macht er an Gessens Äußerem fest. Zitat: "kurze Haare, riesen Brille, cooles Outfit, schwarzer Anzug, rote Socken". Es sollte inzwischen Konsens sein, dass man (Mann!) eine Frau nicht nach ihrem Äußeren beurteilt. Auf der Bühne selbiger Veranstaltung saßen auch drei Männer. Ich lese nichts über ihre Brillen, Haare, Outfit, Anzug- und Sockenfarbe. Eine Frage: Wie hätten Sie´s denn gern, dass Masha Gessen sich kleidet?  
In diesem Artikel deutet manches darauf hin, dass Bieling persönliche Niederlagen noch nicht verwunden hat, da er in zwei langen
Absätzen seine eigenen Erlebnisse vor 50 Jahren in der Neuen Linken darstellt. "Die rote Ideologie alten Schlags rieche ich seither zehn Meilen gegen den Wind [...]." Der Grund für den Schmerz: "an der Freien Universität Berlin bin ich, sind wir gescheitert: Mein Institut für Publizistik, [...] wurde von den ADSen gekapert, [...]." Diese individuelle Erfahrung sollte bei der Beurteilung von Gessen nichts zur Sache tun.  So traurig die Erfahrung ist, aber Gessen kann nichts dafür. Oder doch? Ist sie auch dafür – ideologisch gesehen – verantwortlich?
Apropos „riechen“: Auch Masha Gessen kann der Autor nicht riechen. Gleich im ersten Absatz ist zu lesen, Gessen sei von einem „sozialistischen Geist beseelt“. Immerhin scheint sie eine Seele zu haben. Im Weiteren geht es oftmals um Schlagworte, die mehr über Bieling als über Gessen aussagen. Er spricht von „sozialistischen Eliten“ und „intellektueller Entourage“, von einem „Vielvölkergefängnis“ und „hegemonial“ gewordenen weißen Akademikern, von „totaler“ Herrschaft der Hamas (oder ist „totalitärer“ gemeint?), von „partieller Herrschaft der Hamas“ über israelische Kibbuzim (partiell und Herrschaft?) und von einem „Mileu“, dem Gessen angehöre. Begriffe, dahingesagt, aber erklärungswürdig, ansonsten tendenziös.
Ein „Schlüssel für diese Sichtweise“ sei in einer Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin zu finden. Nein, nicht etwa in Masha Gessens Aussagen in der von Bieling besuchten Veranstaltung. Sowieso werden Gessens Einlassungen, ein Vortrag oder Redebeiträge nicht inhaltlich erwähnt. Wir lesen nur, dass sie eine „vergleichbare Emanzipation“ wie Marion Brasch nicht vollzogen habe. Das werde durch das Fehlen persönlicher Erfahrungen  verhindert (so Bieling), denn als Gessen im jugendlichen Alter von 14 Jahren die Sowjetunion verlassen habe, konnte sie das „Kollabieren des sozialistischen Staates“ nicht mehr miterleben. Gelobt seien die 14-Jährigen, die die Weisheit von 40-Jährigen oder vielleicht auch erst 70-Jährigen besitzen!
Das Schwert der Verachtung fällt dann auf Gessen hinunter: „Nie wird sie sich mit diesem Milieu überwerfen, dem sie alles verdankt, zuletzt den Hannah-Arendt-Preis.“  Und hierbei wird auch der Literaturpreis gleich mitverdammt, wofür noch einmal Gessens Äußeres herhalten darf: „New Wave, das zeigt sie mit ihrem Outfit und Old Left, das offenbart sie mit Worten, koexistieren auf preiswürdige Weise.“ Nun hätte ich gerne gesehen, wie der Autor auf der Berliner Veranstaltung erschienen ist. Sakko, Schlips und Kragen, weiße Socken? Sollte es so oder ähnlich gewesen sein, was darf ich daraus schließen? Das Gegenteil von Gessen? Alles in allem lese ich nichts Inhaltliches zu Gessen, sondern nur, was Gessen nicht gesagt hat.

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Franz Horvath schrieb uns am 11.01.2024
Thema: Irmela von der Lühe: „Unsere Familie war eher ein Klumpen Geschichten“
Die Erzählerin und Historikerin Dana von Suffrin (geb. 1985)

Sehr geehrte Frau von der Lühe,
haben Sie vielen Dank für Ihre Auseinandersetzung mit dem Werk von D. Schiffrin. Bitte erlauben Sie mir eine kleine Korrektur. Sie schreiben: "Die 40er Jahre brachten die Katastrophe für die Kronstädter Juden, für alle Juden im Grenzraum zwischen Ungarn, Rumänien und der Ukraine [...]" Dieser Satz bedarf einer kleinen Richtigstellung: Die Zahl der jüdischen Gemeinde Kronstadts betrug 1930 etwa 2.200 Personen und 1957 etwa 1.700 Personen. Man sieht also keine gravierende Veränderung. Die Abnahme um 500 Personen ist hierbei wohl v.a. auf die mehreren Auswanderungswelle von Juden aus Rumänien nach Israel Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre zurückzuführen. Die Kronstädter Juden
haben den Krieg meines Wissens und Erachtens zumindest biologisch gut überstanden. Wieso? Der Nordwesten Rumäniens, Siebenbürgen im weiteren Sinne, gehörte seit 1920 zu Rumänien. Aufgrund des II. Wiener Schiedsspruchs (30.8.1940) wurde Siebenbürgen zwischen Ungarn und Rumänien geteilt: in Nord- und Südsiebenbürgen. In Nordsiebenbürgen wurden sofort die antisemitischen Gesetze Ungarns eingeführt und 1944, nach der Besetzung des Landes durch die Wehrmacht, innerhalb weniger Wochen und mit eifriger ungarischer Kooperation etwa 130.000 Juden ghettoisiert und deportiert. Davon sind etwa 100.000 Juden umgebracht worden, einige Tausende kehrten nach dem Krieg nach Rumänien zurück. In Südsiebenbürgen, das also zwischen 1940-45 weiterhin zu Rumänien gehörte, galten zwar die antisemitischen Gesetze Rumäniens und die Pogrome der Eisernen Garde im Januar 1941 betrafen wohl auch Kronstadt. Dennoch überlebten die Juden Südsiebenbürgens den Krieg relativ unbeschadet, d.h. ohne Deportation und Ghettoisierung. Deshalb nur relativ, da einige Tausend Juden aus dem Banat wohl nach Transnistrien deportiert wurden und es auch Pläne in Bukarest gab, 1942 alle Juden des Gebietes dahin zu deportieren. Dazu ist es allerdings nicht gekommen (wegen des Widerstands unterschiedlicher politischer Kreise). Nebenbei bemerkt: aus der Moldau und der Bukowina wurden sehr wohl Hunderttausende von Juden nach Transnistrien deportiert und dort verhungert, andere sind getötet und umgebracht worden. Dies alles betraf allerdings die Kronstädter jüdische Gemeinde wohl nicht. Harald Roth, der Verfasser einer Stadtmonographie ("Kronstadt in Siebenbürgen"), geht sogar davon aus, dass die Zahl der Kronstädter Juden Anfang der 1940er Jahr wohl sogar zugenommen haben muss, weil aus Nordsiebenbürgen und aus der Moldau etliche Juden dahin geflüchtet waren.  Ich hoffe, mit dieser kleinen Anmerkung die obige Aussage etwas nuanciert zu haben. Mit freundlichen Grüßen, Franz Sz. Horváth
P.s. Die Geschichte der Juden Siebenbürgens ist eine sehr spannende, dramatische und vielfältige Geschichte und die Gemeinde brachte zumal im 20. Jahrhundert z.B. mit György Ligeti, Imre Tóth usw. eine Reihe bemerkenswerter Persönlichkeiten hervor.

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Frieder Sommer schrieb uns am 09.01.2024 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Bieling, Rainer: Masha Gessen und das große Vergessen des Totalitären

Zu Herrn Kaiser: Als "fragwürdig" bezeichne ich einen Text, der zu Bedenken, Zweifeln, Misstrauen Anlass gibt. Und Bielings Beitrag ist so ein Text. Punkt.
Bedenklich finde ich vor allem, ich wiederhole mich, dass Herr Bieling aus der Behauptung, Frau Gessen trage auf seinem Foto "rote Socken" (ich kann keine erkennen!) schließt, sie "klinge" heute noch wie "SED-Ideologen" alter Schule.
Was Herrn Bieling zu seiner sonstigen ehrenrührigen Personenbeschreibung veranlasst haben mag, möge er sich selbst fragen.
Bedauerlich finde ich, dass dieses bezeichnende "ad personam" niemand, offensichtlich auch der Redaktion nicht, aufzufallen scheint.
Zusammenfassend: Herr Bielings Text richtet sich in
einer fragwürdigen Art und Weise ausschließlich gegen die Person Masha Gessen und geht an keiner (sic) Stelle auf deren jüngste Äußerungen ein.

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Stefan Neuhaus schrieb uns am 09.01.2024 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Thomas Merklinger: Mittendrin, aber nicht dabei
In seinem Sachbuch „Der doppelte Erich“ geht Tobias Lehmkuhl den Ambivalenzen von „Kästner im Dritten Reich“ nach

Lieber Herr Merklinger,
mich hat Ihr sachlicher, wunderbar lesbarer und informativer Artikel sehr gefreut und ich möchte nur kurz auf die von Herrn Helmes initiierte Debatte über die Bewertung der Persönlichkeit Kästners reagieren und darauf hinweisen, dass das Kästner-Handbuch, das ich kürzlich herausgeben durfte, unterschiedliche Stimmen dazu versammelt. Letztlich dürfte es für die, mit Brecht gesprochen, Nachgeborenen schwierig bis unmöglich bleiben, sich in die Zeitumstände hineinzuversetzen. Das entschuldigt in keiner Weise irgendeine Täterschaft, aber im Vergleich mit dem Verschweigen faktischer Mittäterschaft, wie sie andere Autoren nach 1945 betrieben haben (von sehr bis weniger problematisch, in die erste Kategorie
würde ich den Star-Drehbuchautor Herbert Reinecker und in die zweite das jugendliche Waffen-SS-Mitglied Günter Grass einordnen, freilich beide jünger als Kästner), ist das distanzierte und sich nach Möglichkeit nicht involvierende, auch verdeckt kritische Verhalten Kästners doch sehr zu unterscheiden. Aber auch das ist nur (m)eine Meinung.
Herzlich dankt und auf anregende weitere Lektüren ihrer Rezensionen freut sich
Stefan Neuhaus

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Günter Helmes schrieb uns am 07.01.2024
Thema: Thomas Merklinger: Mittendrin, aber nicht dabei
In seinem Sachbuch „Der doppelte Erich“ geht Tobias Lehmkuhl den Ambivalenzen von „Kästner im Dritten Reich“ nach

Lieber Herr Merklinger,
vielen Dank für Ihre luzide Besprechung von Tobias Lehmkuhls Kästner im Dritten Reich.
Ich frage mich, ob der von Ihnen gewählte Titel „Mittendrin, aber nicht dabei“ den Sachverhalt tatsächlich trifft. Meines Erachtens hat sich Kästner – zweifelsfrei kein Nazi! – den Nationalsozialisten deutlich entschiedener angedient als es dieser Titel vermuten lässt. Dabei will ich nicht auf seinen als solchen und u.a. angesichts der ihn selbst betreffenden Bücherverbrennung höchst irritierenden „Bemühungen“ herumreiten, „in die ‚Reichsschrifttumkammer‘ aufgenommen zu werden“, auch nicht darauf, dass er, der Verbotene, letztlich sich frei bewegen konnte und in
den frühen 1940er Jahren sehr gut verdiente.
Aber zeihen will ich ihn der, so die Hypothese, aus karrieristischen und materiellen Gründen begangenen, proaktiv und im Wissen u.a. um das Schicksal zahlreicher Kolleginnen und Kollegen aus Literatur und Kultur herbeigeführten geistigen Kollaboration mit den Nazis, beispielhaft dokumentiert durch sein unter dem Pseudonym Berthold Bürger verfasstes Drehbuch zum Ufa-Jubiläumsfilm Münchhausen – Kästner war nicht nur „Mitarbeit[er] am Drehbuch“, sondern „lieferte den Stoff gleich mit“ (Th. Anz).
Dieses Drehbuch, von der Zensur akribisch durchgearbeitet und u.a. um der Entschärfung allzu propagandistischer Stellen willen zu mehr als 25% verändert, strotzt vor rassistischen Vorurteilen, völkisch-nationalem Denken, militaristischem und Feindbilddenken sowie reaktionären Geschlechterrollen und Familienbildern. Es ist durch und durch systemkonform und enthält – wie könnte es angesichts der professionell arbeitenden Zensur auch anders sein – gegenteiliger Behauptungen zum Trotz keine oppositionelle Botschaften (es gibt auch keinerlei Evidenz dafür, dass das Kinopublikum den Film als systemkritisch wahrgenommen hätte).
Was ich freilich noch verwerflicher finde als diese geistige Kollaboration (wer weiß im Übrigen schon, wie man sich selbst zur Zeit des Dritten Reichs verhalten hätte): Dass Kästner sich in der Nachkriegszeit selbstgerecht als personifizierte Unschuld, als moralische Instanz und Mahner schlechthin inszeniert hat, als widerständiger bloßer „Beobachter“, der nur dokumentieren wollte und immer schon alles vorausgesehen hat. Das macht für mich den eigentlichen Fall, den menschlichen Absturz des in literarischer Hinsicht großen Schriftstellers und professionellen Medienautors Erich Kästner aus. Der war mit seiner „harmonisierende[n] Klassendidaktik“, seinem „lustvollen Konformismus“ (G.H. Hommer) und seinen „kleinbürgerlichen Aufsässigkeiten“ (K. Kreimeier) in ideologischer Hinsicht freilich oftmals problematisch. Gibt es nicht zu denken, dass Emil und die Detektive, wie Sie zu Recht schreiben, „bei der Bücherverbrennung „explizit[]“ ausgenommen wurde? Hätte man sich nicht von Kästner diesbezüglich eine Äußerung à la „Verbrennt mich!“ (Oskar Maria Graf) gewünscht?

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Karl-Josef Müller schrieb uns am 06.01.2024 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Bieling, Rainer: Masha Gessen und das große Vergessen des Totalitären

"Zum anderen wäre m.E. es sinnvoller gewesen, gerade auf einem intellektuellen Portal wie diesem, noch einmal herauszuarbeiten, was faul/falsch/unhaltbar an den Ansichten von Frau Gessen ist (Gleichsetzung des Gazastreifens mit einem Ghetto usw.). Das zu unterstreichen, kann gar nicht oft genug geschehen. Dennoch insgesamt danke für den Text,"

"Als langjähriger Leser der 'literaturkritik' ist es für mich unverständlich, was die Redaktion veranlasst haben könnte, diesen fragwürdigen 'Essay' zu veröffentlichen."

Ich möchte mich dem Dennoch und dem Dank von Herrn Horvath anschließen. Fragwürdig mag der Essay sein, was, wenn man es wörtlich versteht, heißt, dass er würdig
ist, befragt zu werden - was Herr Horvath ja auch tut und, wie ich denke, zu Recht. Und im Gegensatz zur Empörung von Herrn Sommer möchte ich die Redaktion geradezu auffordern, für Reibung und damit Energie durch die Veröffentlichung kontroverser Texte zu sorgen.

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Frieder Sommer schrieb uns am 04.01.2024
Thema: Bieling, Rainer: Masha Gessen und das große Vergessen des Totalitären

Bei aller aktuell berechtigten Kritik an Frau Gessen bitte ich die Leser der Kritik Bielings an Frau Gessen, auch Gessens 2018 bei Suhrkamp erschienenes Buch "Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor." zu lesen. Ich bin mir sicher, dass danach eine angemessene Beurteilung der Kritik Bielings möglich sein wird.
Dass Herr Bieling es offensichtlich nötig hat, seine Kritik an Frau Gessens "totalitärem sozialistischen Geist" mittels eines von ihm gemachten Fotos zu untermauern, sollte alle Leser seines Artikels stutzig machen. Das Bild, das Herr Bieling von Frau Marsha Gessen hier zeichnet, halte ich für ehrenrührig, denn satirisch oder ironisch ist es sicher nicht gemeint.
Als langjähriger Leser der
"literaturkritik" ist es für mich unverständlich, was die Redaktion veranlasst haben könnte, diesen fragwürdigen "Essay" zu veröffentlichen.

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Franz Horvath schrieb uns am 29.12.2023
Thema: Rainer Bieling: Masha Gessen und das große Vergessen des Totalitären
Die jüdisch-russische US-Autorin hätte gar nicht erst für den Hannah-Arendt-Preis in Betracht gezogen werden sollen

Sehr geehrter Herr Bieling, vielen Dank für Ihre Auseinandersetzung mit der Preisverleihung an Masha Gessen. Ich stimme Ihnen darin zu, dass sie den Preis gar nicht hätte bekommen dürfen und dass ihre Positionen unhaltbar sind. Zwei Anmerkungen hätte ich dennoch. Zum einen schlussfolgern Sie aus der Tatsache, dass Frau Gessen die SU erst mit 14 Jahren verlassen hatte, dass sie sich von den bis dahin verinnerlichten sozialistischen Inhalten nicht mehr emanzipiert hatte. Diesem Gedanken liegt die Annahme zugrunde, das 10-12-14-jährige Kind sei bereits dermaßen stark indoktriniert worden, dass sie diese Inhalte auch Jahrzehnte später vertritt. Für diese These (die) Belege zu erbringen, bleiben Sie dem Leser leider schuldig. (Es stellt sich daher/zudem die Frage, ob nicht der heutige "Wokeismus" und "progressive" Israelhass mindestens genauso stark Frau Gessens Ansichten formten wie jene ersten, wenigen Jahre. Und sprechen Sie nicht (dabei durchaus exkulpierend? Frau Gessen die Lernfähigkeit ab, wenn Sie sie als unmündige Sklavin ihrer Kinderjahre darstellen?) Zum anderen wäre m.E. es sinnvoller gewesen, gerade auf einem intellektuellen Portal wie diesem, noch einmal herauszuarbeiten, was faul/falsch/unhaltbar an den Ansichten von Frau Gessen ist (Gleichsetzung des Gazastreifens mit einem Ghetto usw.). Das zu unterstreichen, kann gar nicht oft genug geschehen. Dennoch insgesamt danke für den Text, mfG Franz Sz. Horváth

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Günter Helmes schrieb uns am 13.12.2023 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Redaktion literaturkritik.de: Robert Habeck über Israel und Antisemitismus

Eine letzte Antwort, sehr geehrter Herr Müller, in der Form von mehreren Bitten.
Bevor Sie Zuschreibungen wie "Naivität" oder Ähnliches in den Raum stellen, lesen Sie doch bitte erst einmal gründlich und Sinn entnehmend.
Bitte gehen Sie davon aus, dass mir die von Ihnen angeführten Geschehnisse in den 1930er Jahren bekannt sind, Ihre eigenen Kenntnisse ein ums andere Mal herauszustellen tut, glaube ich, nicht Not.
Bitte erinnern Sie sich an all das Schreckliche, dass Juden über viele Jahrhunderte u.a. in vielen Teilen Europas ein ums andere Mal  erleiden mussten und vor dessen Hintergrund St. Zweig in den frühen 1920er Jahren zu seiner von mir zitierten Einschätzung kam - und fragen Sie sich bitte dann noch
einmal, warum er m.W. diese Einschätzung beibehalten hat.
Vergegenwärtigen Sie sich - Stichwort: "Faktisch" - bitte, dass es, soweit ich das überschauen kann, so ist, dass Kritik an Israel in der Regel und rösselsprüngig mit Antisemitismus in Verbindung gebracht oder sogar als Antisemitismus deklariert wird. Herr Habeck hätte von daher gut daran getan, explizit zu sagen, dass eine Kritik an Israel (an Nethanjaus Israel, um nicht weiter missverstanden zu werden) keinen Antisemitismus darstellt, zumindest nicht von vornherein.
Bedenken Sie bitte, dass Israel nicht  d i e  Juden repräsentiert, anders gewendet, dass eine Kritik an Israel aus philosemitischem Geist erwachsen kann.
Bitte sehen Sie in mir - ich verweise auf zahlreiche Publikationen und Editionen - einen überzeugten Philosemiten.
Mit freundlichen Grüßen
Günter Helmes

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Karl-Josef Müller schrieb uns am 12.12.2023 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Redaktion literaturkritik.de: Robert Habeck über Israel und Antisemitismus

Keiner von uns kann sich vergegenwärtigen, kann sich vor Augen führen oder nachfühlen, was sich bei dem Überfall am 7. Oktober zugetragen hat. Robert Habeck hat in seiner Rede nicht zuletzt darauf reagiert.
Ich zitiere nochmals eine der entscheidenden Passagen aus Ihrem Leserbrief:
"Ich begrüße es hingegen, dass Herr Habeck explizit Kritik am Staat Israel für ein selbstverständliches Recht hält. Faktisch ist es freilich häufig genug so, dass eine Kritik an Israel sofort mit dem Vorwurf des Antisemitismus belegt wird. Von daher wäre es m.E. wichtig gewesen, wenn Herr Habeck ausgeführt hätte, was er unter Antisemitismus versteht."
"Faktisch"? Das hätten wir schon gerne genauer
gewusst, was genau damit gemeint ist. Und was Robert Habeck unter Antisemitismus aktuell versteht, kann doch keinem Zweifel unterliegen. Jüdisches Leben in Deutschland und weltweit ist gefährdet, darauf kommt Robert Habeck zu sprechen, ein Teil von uns allen fühlt sich unter uns nicht mehr sicher.
Noch ein Zitat: "Die Stellungnahme von Stefan Zweig ist eindeutig. Warum sollte er sie zwei Jahrzehnte später widerrufen haben, wie Sie es für möglich halten?" Ja warum nur? Weil es das Jahr 1933 gegeben hat, Rassegesetze, den 9. November 1938, den Beginn eines Vernichtungskrieges - gegen wen? Nein, ich weiß nicht, ob Stefan Zweig seine Meinung zu einem möglichen jüdischen Staat geändert hat, das habe ich auch nicht behauptet.  Aber konnte er sich seiner Meinung von 1920 im Jahr 1942 wirklich noch so sicher sein, das ist meine Frage, die keiner von uns beantworten kann. Die Frage, warum er seine Stellungnahne zwei Jahrzehnte später hätte widerrufen sollen und die Unterstellung, dass es dafür ja keinerlei Grund gegeben habe, grenzt an Naivität.

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Günter Helmes schrieb uns am 09.12.2023 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Redaktion literaturkritik.de: Robert Habeck über Israel und Antisemitismus

Vielen Dank, sehr geehrter Herr Müller, für Ihre Replik auf meinen Leserbrief zu Herrn Habecks Rede. Zu dieser Replik in suggestivem Ton ließe sich Vieles sagen, ich beschränke mich auf einen Punkt:
Sie erwecken den Eindruck, als habe ich die Hintergründe für die - ich bleibe dabei: Probleme generierende - Einwanderung von Juden nach Palästina schon in den 1920er Jahren willentlich verschwiegen, um ... ja, um was denn? Was wollen Sie mir denn zuschreiben bzw. unterstellen?
Mit Verlaub: Ich habe vorausgesetzt, dass diese Hintergründe zumindest der Mehrzahl der LeserInnen von literaturkritik.de bekannt sind. Diese Hintergründe spielen im Übrigen in der Sache und für meine Argumentation keine Rolle. Ist es nicht so, dass
sowohl der Zionismus mit Herzl als Galionsfigur als auch Zweigs Äußerung Reaktionen auf die von Ihnen unnötiger Weise, wie ich finde, ausgebreiteten Hintergründe sind? Beiden waren mit diesen Hintergründen, waren mit dem weit verbreiteten Antijudaismus und Antisemitismus über die Jahrhunderte bestens vertraut und nahmen mit ihren Positionen genau dazu Stellung. Die Stellungnahme von Stefan Zweig ist eindeutig. Warum sollte er sie zwei Jahrzehnte später widerrufen haben, wie Sie es für möglich halten? Sind Ihnen explizite oder implizite Äußerungen Zweigs aus den sich zuspitzenden späten 1920er und den 1930 Jahren bekannt, die auf eine im Grundsatz veränderte Position hinsichtlich des Zionismus schließen ließen? Mir nicht. Aber gerne lasse ich mich belehren.
Mit besten Grüßen, Günter Helmes

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Christian Milz schrieb uns am 09.12.2023
Thema: Dafni Tokas: Menschenwürde als inkohärenter Begriff
Achim Lohmars kopernikanische Wende der Denkungsart ist Konservativen egal

Lohmar und die Rezension mögen sich irren und da zeigt sich das Problem von Philosophie: Sie operiert mit maximaler Logik auf weichem begrifflichen Terrain mit minimalen Daten. Dort, wo Lohmar sich mit Kants 'unzulänglichem' Aufklärungsbegriff (das Ablegen von "intellektueller Faulheit und Feigheit") auseinandersetzt (Lohmar plädiert sozusagen für das Inhaltliche, den Stoff, Wahrheit usw ...), wird deutlich, dass dem Autor der Formbegriff in seinem Wesen fehlt, von dem Kant implizit ausgeht - im Gegensatz zum "Stoff": Eine mehrdimensionale Polarität, die am besten (oder nur?) durch Schillers Kantinterpretation nachzuvollziehen ist. Schiller verfügt im Gegensatz zu Kant über gleichsam unendliche Daten der Kunst- und Literaturrezeption wie auch -Produktion. Schiller kritisiert Kant, indem er ihn (um die Bedeutung des Stoffes, also der Sinnlichkeit) erweitert, aber er steigert dadurch auch die Intensität des von Kant (und Co) übernommenen Formbegriffes: "Natur in ästhetischer Hinsicht ist das innere Prinzip der Existenz an einem Dinge zugleich als Grund seiner Form betrachtet, die innere Notwendigkeit der Form (Brief an Körner)." Das ist empirisch für Kunst wie auch für Ethik korrekt, gleichzeitig herrscht in diesem Sinne empirisch aber mehr oder weniger Formlosigkeit, was Schiller mit Bedauern aber realitätsbewusst feststellt (Brief 10 der Ästhetischen Erziehung) und schließlich ist Schiller ja von Haus aus Dramatiker. Der mangelnde Zugang zum Formbegriff (außer bei den Sportsfreunden, die ihn noch kennen: "Xy war nicht in Form...") ist vermutlich nicht ganz zufällig, schließlich widerlegt er grundlegend Darwins Evolutionsansatz. Das zeigt zeigt sich auch in der Literaturrezeption, selbst die Strukturalisten, die noch am nächsten am Formbegriff (Struktur!) dran sind, lehnen die Dichtotomie von Stoff und Form ab, womit ihnen der Kern der Sache entgeht, denn der hermeneutische Zirkel bedeutet die Annäherung an die Form. Ich weise per Büchner-Buch und auf academia.edu und researchgate dezidiert nach, dass selbst unsere Literaturdenmäler hinsichlich ihrer inneren Form noch unerschlossen sind: Bei Fontanes "Effi Briest" ist es der Satz >Effi komm<" (nebenbei bemerkt ist das arme Kind unehelich), in Büchners "Woyzeck"-Fragment Maries Ausruf "das Kind gibt mir einen Stich ins Herz" und in Camus "Der Fremde" die Diskrepanz der 5 Schüsse auf den Algerier aber nur 4 Schläge an das Tor des Unheils, das Unheil besteht insofern nur aus den 4 Schüssen auf die Leiche, die mit der der Mutter auf dem zuvor breit geschilderten Begräbnis identifiziert wird. Keinswegs absurd, formal gesehen und in Literatur und Kunst besagt die Form alles, ohne Form auch kein Inhalt! Desgleichen dürfte der Begriff der "Würde" bzw. der "Menschenwürde" aus bekannten Gründen in unserer Verfassung so prominent auf der Tagesordnung, nur von der Form her zu verstehen sein, und diese Form kommt eben dem Menschen an sich sehr wohl zu, eine Selbsterkenntnis, die wohl auch die Vorraussetzung dafür darstellen dürfte, dass die Würde der Natur gleichfalls geachtet wird, wobei mit Schiller die Liebe zu selbiger noch darüber rangiert.

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Karl-Josef Müller schrieb uns am 07.12.2023 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Dirk Kaesler: Kläglich gescheitert?
Dicke Bücher, die wir nicht gelesen haben

Lieber Herr Kaesler, liebe Frau von Wietersheim,
mit sechzehn Jahren kamen mir die Romane von Franz Kafka in die Hände, eine graue Leinenausgabe vom Fischer-Verlag. Eine quälende Lektüre begann, aber etwas war da, dass es mir verunmöglichte, das Buch beiseite zu legen.
Nun sind die drei Romane von Kafka keine sehr dicken Wälzer, aber ich denke, in Ihren Überlegungen geht es nur auf den ersten Blick um "Dicke Bücher, die wir nicht gelesen haben." Es geht um Bücher, die einem nicht entgegenkommen, weil sie unsere a priori vorhandenen Erwartungen eben nicht erfüllen.
Und nochmals: jeder entscheidet, was er liest, keiner kann gezwungen werden, sich mit den Büchern von William Gaddis, Joshua Cohen, David Foster
Wallace oder Robert Musil zu beschäftigen, um nur einige Beispiele für 'schwierige' Romane zu nennen.
Eine Zeitschrift, die sich literaturkritik nennt, hat jeder Art von Literatur gegenüber, so scheint mir, eine besondere Verantwortung. Nein, es geht nicht um die Abwertung von Unterhaltungsliteratur zugunsten der 'hohen' Kunst. Es wäre sicher interessant, sich mit der von Ihnen erwähnten Leserin zu unterhalten: "Wir kennen Leserinnen, die können mit einem Buch nicht aufhören, auch wenn sie es nicht wirklich gut finden. Wir sind nicht so, wir können ein Buch beiseitelegen."
Fünfzig Jahre nach meinem Kafka-Erlebnis wurde ich mit einem Roman konfrontiert, der mich als Leser an den Rand meiner Möglichkeiten brachte: Joshua Cohen "Witz". Mein Urteil lautete zunächst: eine Zumutung, eine Unverschämtheit. Doch je länger die Lektüre zurückliegt, desto zeigt sich, dass dieser Roman weiterwirkt. Nein, es ist nicht so wie in den letzten Zeilen von Rilkes Gedicht "Archaïscher Torso Apollos": "denn da ist keine Stelle, /
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern." Aber je länger die Lektüre von Cohens Roman zurückliegt, desto wertvoller wird mir die Erinnerung daran.
Sie schreiben "Während "Kunst" als hochkulturelle Errungenschaft für anspruchsvoll und ästhetisch wertvoll bezeichnet wurde, hatte "Unterhaltung" den Ruf des Einfachen, Leichten, ja sogar des fast schon Minderwertigen. Auch wenn diese Ansichten aus Sicht der Wissenschaft überholt sind, hat sich die alltägliche Einteilung in U (Unterhaltungs-) und E (ernste)-Kultur bis heute erhalten, was dazu führt, dass Unterhaltung noch immer weniger gewürdigt wird als Kunst." Schließen Sie sich dieser Wissenschaft - welcher? - an, es scheint mir so. Ich kann dem nicht zustimmen, nicht, weil ich Unterhaltung verachten würde und die Hochkultur für erbaulich, vorbildlich oder was auch immer halte. Aber wenn ich ein Buch rezensiere, dann kann es nicht (nur, aber auch) darum gehen, ob es unterhaltsam ist oder spannend. Ein Buch, ein Kunstwerk, welcher Art auch immer, das mir etwas bedeutet, möchte ich, wenn ich mich dazu äußere, dem Leser anempfehlen, ihn vielleicht sogar dazu überreden, seine Widerstände zu überwinden und sich auf eine unsichere und anstrengende Reise zu begeben.
Es geht mir um eine Ästhetik des Widerstands, ein Roman von Peter Weiss, mit dem ich mich intensiv beschäftigt habe. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, aber hätte ich mich der Anstrengung nicht unterzogen, wäre mein Leben einer bedeutsamen Erfahrung ärmer.
Und nun möchte ich zum Abschluss betonen, was mich an Ihren Ausführungen stört. Es geht darum zu begreifen, dass, wer dem Widerstand ambitionierter Kunst ausweicht, sich vor Augen halten sollte, dass dies für ihn einen Verlust bedeutet.

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Dirk Kaesler schrieb uns am 07.12.2023 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Dirk Kaesler: Kläglich gescheitert?
Dicke Bücher, die wir nicht gelesen haben

Lieber Herr Müller,

herzlichen Dank für Ihre engagierte Reaktion auf unsere Kolumne.

Ja, diese Unterscheidung von "Unterhaltung" und "Kunst" galt für lange Zeit. Beides sei, so argumentierte man, unvereinbar. Während "Kunst" als hochkulturelle Errungenschaft für anspruchsvoll und ästhetisch wertvoll bezeichnet wurde, hatte "Unterhaltung" den Ruf des Einfachen, Leichten, ja sogar des fast schon Minderwertigen. Auch wenn diese Ansichten aus Sicht der Wissenschaft überholt sind, hat sich die alltägliche Einteilung in U (Unterhaltungs-) und E (ernste)-Kultur bis heute erhalten, was dazu führt, dass Unterhaltung noch immer weniger gewürdigt wird als Kunst. Es stellt sich
jedoch immer drängender die Frage, wie diese beiden doch so unterschiedlich konnotierten Begriffe verbunden werden können, um überhaupt von „Kunst als Unterhaltung“ sprechen zu können.

Wenn Sie sich die Mühe - und Freude - machen wollen, nicht nur den Trailer von GoT anzusehen, sondern wenigstens eine ganze Staffel, werden auch Sie vielleicht zum Ergebnis kommen, dass David Benioff und David Brett Weiss Künstler sind.

Herzlich grüßen Dirk Kaesler und Stefanie von Wietersheim

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Margret Hövermann-Mittelhaus schrieb uns am 07.12.2023
Thema: Walter Delabar: Eine erfolgreiche Frau?
Rowohlt legt Neuentdeckungen aus dem frühen 20. Jahrhundert vor – der erste Roman in der neuen Reihe, Christa Anita Brücks „Ein Mädchen mit Prokura“

Nicht nur Irmgard Keun, auch Kurt Tucholsky hat den Roman von Christa Anita Brück »Schicksale hinter Schreibmaschinen« mit der Aussage: »Diese Angestelltengeschichte ist ein Schmarrn.« deutlich kritisiert. (Zitiert nach: Volker Weidermann, Das Buch der verbrannten Bücher, Kiepenheuer und Witsch, München 2009, S. 62). Aber jetzt geht es um ihren zweiten Roman »Das Mädchen mit Prokura«.
Ob die Protagonistin Thea Iken tatsächlich eine erfolgreiche Frau wird, will ich nicht beurteilen, aber die Haltung der Studentin Brigitte Neubert ist sehr fortschrittlich: »Es ist Raubbau in meinen Augen, wenn ein Arbeitgeber das Leben seiner Angestellten buchstäblich auffrisst, wenn er sie von morgens früh bis abends
spät hinter den Schreibtisch klemmt, wenn er ihnen die Möglichkeit nimmt, neben dem beruflichen Leben auch noch ein, wenn auch nur kleines, Privatleben zu führen.« (S. 176).
Der Roman wurde 1934 verfilmt, hier fehlt aber die Episode der fortschrittlichen Studentin Brigitte Neubert (hat Christa Anita Brück dem zugestimmt?), diese Haltung passte den Nationalsozialisten wohl nicht ins Konzept, das wird im Nachwort auch von Magda Birkmann betont. Weiterhin ist der Roman auch vor dem Hintergrund der Biografie Christa Anita Brücks zu betrachten. Eine eindeutige politische Haltung vertritt die Erzählerin im Roman nicht, so sagt Albert nur: »Ich geh nach der Partei.« (S. 73). Auch aus dem Zusammenhang kann man nicht erschließen, welche Partei gemeint ist. Ist es die NSDAP oder die SPD? Das deutet vielleicht auch schon auf die weitere Entwicklung der politischen Haltung der Schriftstellerin hin, bei der sich eine Hinwendung zum rückschrittlichen nationalsozialistischen Frauenbild zeigt (so Magda Birkmann im Nachwort, S. 253).
Meine Rezension ist hier zu finden: https://mittelhaus.com/2023/10/14/christa-anita-brueck-ein-maedchen-mit-prokura/
Margret Hövermann-Mittelhaus

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Karl-Josef Müller schrieb uns am 07.12.2023
Thema: Dirk Kaesler: Kläglich gescheitert?
Dicke Bücher, die wir nicht gelesen haben

Wer wollte bestreiten, dass man niemenden dazu zwingen kann, dicke Bücher zu lesen? Aber das ist nicht der zentrale Punkt, denn es gibt Geschichten, bei denen es uns sehr leicht fällt, sich mit ihnen und ihrem Personal zu identifizieren, da kann das Buch so dick sein wie es will.
Und es gibt dicke - und dünne - Bücher, die uns einen enormen Widerstand entgegensetzen. "Aber wenn die Mühsal überwiegt (...),  warum soll man dann weiterlesen?" Weil man, trotz oftmals quälender Lektüre, eine Erfahrung machen kann, die ohne diese so widerständigen und leserunfreundlichen Werke nicht zu haben ist. Nochmals, kein Zwang, aber das Eingeständnis eines Verlustes.
Der Verfasser dieses Leserbriefs erspart es sich, mit
seiner eigenen Lektüre so dicker wie schwieriger Bücher zu protzen. Aber man kann die Lektüre oder den Konsum der DVDs von Game of Thrones nicht vergleichen mit der Lektüre von Ulysses. Game of Thrones ist im Grunde genommen das alte Stück, von dem schon Heine sprach, während der Ulysses uns die Welt ein wenig anders sehen lässt. Das eine ist Unterhaltung, das andere Kunst.

Das Fräulein stand am Meere

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

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Petra Brixel schrieb uns am 06.12.2023 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Dafni Tokas: Endlich wieder zeitgemäße Kapitalismuskritik
Jean-Philippe Kindlers „Scheiß auf Selflove, gib mir Klassenkampf“ plädiert für die Wiederentdeckung des politischen Menschen

Dieser Leserbrief zu der o.g. Rezension reizt verstärkt, das eigentliche Buch zu lesen. Da ich das Buch nicht kannte (wohl aber die Problematik, nämlich Systemkritik), wurde ich durch die Rezension nun zusätzlich getriggert, dass ich das Buch lesen will. Der Leserbrief - Kritik an der Kritik - trägt dazu bei. Dass etwas in unserer globalen (!) Gesellschaft schief läuft (siehe Klimakonferenz derzeit, auch eine Lachnummer), darüber sind sich doch wohl alle einig (so sie denn keine Total-Leugner sind).
Viele Grüße!

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Rolf Löchel schrieb uns am 05.12.2023 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Redaktion literaturkritik.de: Robert Habeck über Israel und Antisemitismus

Anlässlich des terroristischen Angriffs der Hamas auf Israel haben nicht nur Angehörige des Literaturbetriebs einen Offenen Brief gegen Antisemitismus veröffentlicht, sondern auch WissenschaftlerInnen. Er kann hier gelesen und unterschrieben werden:
www.athene-center.de/nie-wieder

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Karl-Josef Müller schrieb uns am 30.11.2023
Thema: Redaktion literaturkritik.de: Robert Habeck über Israel und Antisemitismus

Robert Habeck ist es gelungen, in einer so kurzen wie beeindruckenden Rede den zentralen Punkt der Ereignisse vom 7. Oktober zu benennen. "Genau diese Angst ist nun zurück." Gemeint ist die Angst jüdischer Menschen nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Diese Angst gründet im Antisemitismus, dessen Gipfelpunkt Habeck unmissverständlich benennt: "Der Zweite Weltkrieg war ein Vernichtungskrieg gegen Juden. Für das Naziregime war die Vernichtung des europäischen Judentums das Hauptziel. Und weil unter den Rechtsextremen so manche Putin-Freunde sind: Putin lässt sich mit Vertretern der Hamas und der iranischen Regierung fotografieren und bedauert die zivilen Opfer im Gazastreifen, während er zivile Opfer in der Ukraine schafft." Zu dieser Passage Günter Helmes: "Ich finde es bedauerlich, dass Herr Habeck die schrecklichen Geschehnisse in Israel und Gaza zu einem 'Exkurs' über Putin genutzt hat. Das ist für mich eine unstatthafte Instrumentalisierung dieser Geschehnisse." Der Zusammenhang, den Habeck herstellt, ist meiner Ansicht nach mit Händen zu greifen.
Ja, es kam bereits in den 20er Jahren "zu verstärkter jüdischer Einwanderung nach Palästina", wie Helmes behauptet, ohne die Gründe hierfür auch nur mit einem Wort zu erwähnen. Die Dreyfus-Affäre, der offen antisemitische Bürgermeister von Wien Karl Lueger (im Amt von 1897 bis 1910), die Antisemitische Partei im Deutschen Reich (https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/antisemitismus/antisemitische-parteien.html), - der Zionismus als Wunsch nach eigener jüdischer Staatlichkeit gründet darauf, dass Theodor Herzl nach Jahrhunderten der Verfolgung keine Hoffnung mehr hatte auf ein friedliches Zusammenleben aller Menschen, egal zu welcher Religion oder politischen Überzeugung sie sich bekennen. Dass Habeck diese Vorgeschichte nicht erwähnt, kann ihm keineswegs zum Vorwurf gemacht werden. Sehr wohl aber benennt er den drastischen Gipfelpunkt des Antisemitismus und die sich daraus ergebenden besondere Verantwortung von uns allen als Deutsche: "Es war die Generation meiner Großeltern, die jüdisches Leben in Deutschland und Europa vernichten wollte. Die Gründung Israels war danach, nach dem Holocaust, das Schutzversprechen an die Jüdinnen und Juden - und Deutschland ist verpflichtet, zu helfen, dass dieses Versprechen erfüllt werden kann. Das ist ein historisches Fundament dieser Republik."
Stefan Zweig hat sich im Exil das Leben genommen, am 23. Februar 1942 im brasilianischen Exil. Können wir davon ausgehen, dass Zweig die von Helmes zitierte Haltung aus dem Jahr 1920 auch 1942 noch beibehalten hätte? Lässt sich die Gründung Israels gleichsetzen mit den negativen Seiten eines überbordenden Nationalismus, der zu ersetzen wäre durch "die Bindung in reinem Geiste", wie Zweig es 1920 formuliert?
Die Einwände von Günter Helmes zielen darauf ab, unsere Aufmerksamkeit auf ein nationalistisch gesinntes Israel zu lenken. Es seien jüdische Menschen gewesen, die durch den "Aufbau protostaatlicher Strukturen in Palästina" für "Konfliktpotential" sorgten - wohin soll diese Argumentation führen? Dass das, was am 7. Oktober in Israel geschehen ist, seine Wurzeln letztlich in der Gründung eines jüdischen Staates hat?
"Wider den Mythos vom deutsch-jüdischen Gespräch", "Noch einmal: das deutsch-jüdische 'Gespräch'", "Juden und Deutsche", "Rede über Israel", "Israel und die Diaspora" - fünf Texte von Gershom Scholem aus den Jahren 1966 bis 1969 machen deutlich, dass die Gründung des Staates Israel für das (Über)Leben des jüdischen Volkes nach der Shoa absolut notwendig war.

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Rüdiger Schnell schrieb uns am 28.11.2023
Thema: Dafni Tokas: Endlich wieder zeitgemäße Kapitalismuskritik
Jean-Philippe Kindlers „Scheiß auf Selflove, gib mir Klassenkampf“ plädiert für die Wiederentdeckung des politischen Menschen

Ich wundere mich, dass heutzutage, angesichts einer durch und durch pluralen Gesellschaft (Multi-Kuli, links-rechts, Wechsel von linken und rechten Regierungen, Aufsteiger-Absteiger, finanzieller Erfolg von Immigranten usw. usw.) eine solch plumpe klassenkämpferische Schwarz-Weiß-Schrift erscheint. Es gibt keine Klassen mehr und noch viel weniger ein "Wir". Es gibt Frauenbeauftragte, Gleichstellungsbeauftragte, Coaching-Programme für Frauen in Unternehmen und Universitäten. Das "Wir" kann es schon deshalb nicht geben, weil es eben unterschiedliche Geschlechter mit unterschiedlichen Möglichkeiten und Problemen gibt. Wer das Handelsblatt, Wirtschaftsmagazine und Unternehmensberichte liest, erhält ein anderes Bild von Aufsteigergeschichten. Das hier rezensierte Buch ist eben nicht gut recherchiert und in alten Klassenparolen gefangen.

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Franz Horvath schrieb uns am 18.11.2023
Thema: Anke Pfeifer: Celans Dichtung als Ausdruck des Schicksals – Ein Zeitgenosse erinnert sich
Der rumänische Dichter Petre Solomon über seine Begegnungen mit Paul Celan in Bukarest und Paris und zu Einflüssen auf dessen Werk

Zum Thema des Buchs wurde 1988 auch ein Spielfilm gedreht, "Im Süden meiner Seele" (Regie: F. Schuller), in dem es um exakt jene zwei Jahre Celans in Bukarest geht. Er wird ab und zu auf Veranstaltungen gezeigt.

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Franz Horvath schrieb uns am 04.11.2023
Thema: Redaktion literaturkritik.de: Robert Habeck über Israel und Antisemitismus

Vielen Dank für den Hinweis! Jetzt ist nur noch zu hoffen, dass den Worten auch Taten in vielfältiger Form folgen werden. Im Übrigen wusste ich nicht, dass Herr Habeck auf literaturkritik.de publizierte; spannend! VG FH

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Rolf Löchel schrieb uns am 04.11.2023
Thema: Redaktion literaturkritik.de: Robert Habeck über Israel und Antisemitismus

Die Veröffentlichung der Rede von Robert Habeck möchte ich zum Anlass nehmen, auf den Offenen Brief "Literaturbetrieb, jetzt!" hinzuweisen, der sich „gegen jede Form von Antisemitismus – aus der Mitte, wie von rechts und links“ stellt:

http://www.offener-brief-israel-literaturbetrieb.de

Er wurde bislang von mehr als 1.000 AutorInnen unterzeichnen. Zu ihnen zählen etwa Herta Müller, Elfriede Jelinek, Christian Kracht, Sibylle Berg, Lutz Seiler, Hengameh Yaghoobifarah, Dirk von Lowtzow, Doris Dörrie, Terézia Mora, Uwe Timm und Thea Dorn.

Rolf Löchel

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Günter Helmes schrieb uns am 04.11.2023
Thema: Redaktion literaturkritik.de: Robert Habeck über Israel und Antisemitismus

Bei allem Respekt vor der Rede Herrn Habecks und weitgehender Zustimmung zu dieser Rede:
Eindimensional den Eindruck einer unmittelbaren, auf Monokausalität hinauslaufenden Verbindung zwischen Holocaust und der Gründung des Staates Israel zu behaupten (und daraus staatsraisonale, auf Notwendigkeiten hinauslaufende Schlüsse zu ziehen), lässt ausser Acht, dass es bereits seit den 1920er Jahren unter dem von Großbritannien wahrgenommenen Völkerbundmandat für Palästina zu verstärkter jüdischer Einwanderung nach Palästina und zum Aufbau protostaatlicher Strukturen in Palästina gekommen ist - mit entsprechendem Konfliktpotential.
Ich finde es bedauerlich, dass Herr Habeck die schrecklichen Geschehnisse in Israel und Gaza
zu einem 'Exkurs' über Putin genutzt hat. Das ist für mich eine unstatthafte Instrumentalisierung dieser Geschehnisse.
Ich begrüße es hingegen, dass Herr Habeck explizit Kritik am Staat Israel für ein selbstverständliches Recht hält. Faktisch ist es freilich häufig genug so, dass eine Kritik an Israel sofort mit dem Vorwurf des Antisemitismus belegt wird. Von daher wäre es m.E. wichtig gewesen, wenn Herr Habeck ausgeführt hätte, was er unter Antisemitismus versteht.
In diesem Zusammenhang ein Zitat vom bekennenden Juden Stefan Zweig vom 22. Juli 1920 (Brief an Marek Scherlag):
"Ich sehe die Aufgabe des Jüdischen politisch darin, den Nationalismus zu entwurzeln in allen Ländern, um so die Bindung in reinem Geiste herbeizuführen. Deshalb lehne ich auch den jüdischen Nationalismus ab, weil er auch Hochmut und Absperrung ist: wie können nicht mehr, nachdem wir 2000 Jahre die Welt mit unserem Blut und unsern Ideen durchpflügt, uns wieder beschränken, in einem arabischen Winkel ein Natiönchen zu werden. Unser Geist ist W e l tgeist. (...) Es hilft nichts stolz zu sein auf das Judentum oder beschämt - man muss es bekennen wie es ist, nämlich heimatlos im höchsten Sinne. Deshalb glaube ich, dass es nicht Zufall ist, wenn ich Internationalist oder Pacifist bin - ich müsste mich und mein Blut verleugnen, wenn ich es nicht wäre!"

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Günter Helmes schrieb uns am 27.10.2023
Thema: Peter Mohr: Katharinas Gnadenhof
Monika Marons Roman „Das Haus“ erzählt versöhnlich über eine Alters-WG in der Provinz

Sie schreiben, sehr geehrter Herr Mohr: "In ihrem 2020 erschienenen Roman Artur Lanz bediente Maron auf künstlerisch mäßigem Niveau all die Klischees, die durch die Corona-Krise noch verstärkt wurden." Ein Hinweis darauf, dass man das auch ganz anders sehen kann -  siehe meine Besprechung des Romans hier auf literaturkritik.de. -, wäre für interessierte Leser und Leserinnen gewiss von Interesse.

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Günter Helmes schrieb uns am 17.09.2023 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Dirk Kaesler: Beginnt die Jagd auf Gutmenschen?
Über die Verächtlichmachung eines guten Begriffs

... sehr wahr, Rüdiger Schnell ...

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Rüdiger Schnell schrieb uns am 12.09.2023
Thema: Dirk Kaesler: Beginnt die Jagd auf Gutmenschen?
Über die Verächtlichmachung eines guten Begriffs

Mir scheint ein ganz wichtiger Aspekt der öffentlichen "Gutmenschen"-Debatte bei Dirk Kaesler ausgeblendet zu sein. Aufgrund meiner Lektüre zahlreicher Leserbriefe in deutschen Tageszeitungen komme ich zu einer anderen Einschätzung als Dirk Kaesler: Der Begriff "Gutmensch" zielt(e) in der Flüchtlingsdebatte nicht primär gegen die tätige Unterstützung der in Deutschland um Asyl nachsuchenden Migranten, sondern gegen die von Seiten dieser Unterstützer vorgenommene Diskriminierung aller Personen, die sich kritisch zur unkontrollierten Einwanderung äußerten, als fremdenfeindlich, als unchristlich, gar als Rassisten oder Nazis. Es waren vor allem diese Verunglimpfung und Diskreditierung jeglicher Kritik an der Flüchtlingspolitik, die die dermaßen Verunglimpften dazu brachte, die "Gegenseite" als die "Gutmenschen" zu bezeichnen. Meines Erachtens ist es wichtig, die Interdependenz der öffentlichen Stellungnahmen von Befürwortern und Kritikern der Flüchtlingspolitik zu berücksichtigen.

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