Wo Eros und Thanatos alte Bekannte sind

Sven Taddickens „Gleissendes Glück“ fasziniert durch Martina Gedecks anmutig hintergründige Schauspielkunst

Von Lea KühnRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lea Kühn

Helene schläft nicht mehr. Rastlos treibt es sie durch die dunkle Wohnung. Sie presst Saft. Schmiert Brote. Der Arzt rät ihr, sich doch mal richtig „auszupowern“. Einfach ins Fitnessstudio, „das wird schon“. Es wird nicht. Stattdessen presst sie Saft. Macht ihrem Mann, Christoph, routiniert ein Lunchpaket für den kommenden Tag. Später steigt er über die auf dem Boden eingeschlafene Helene, fährt ihr kurz durchs Haar, während er nach der Fernbedienung greift.

Eduard E. Gluck trägt einen rhythmischen Namen. Spricht man ihn oft nacheinander aus, klingt er wie das rhythmische Rattern eines Zuges auf den Gleisen. Er ist Hirnforscher. Als er im Radio spricht, lässt das Helene aufhorchen. Er wisse, wie man die Wirklichkeit so umdeuten kann, dass man glücklich werde. Schließlich sei es eine Haltungsfrage, ob man sich von lauten, vorbeifahrenden Zügen stören lasse oder sich daran erfreue, wie sie mantra-artig den eigenen Namen skandieren. 

Glücklich sein, das ist ein Gefühl, das Helene abhandengekommen ist. Etwas fehlt, eine innere Leere hält sie darum Nacht für Nacht wach. Ihr nächster Weg führt sie in die Buchhandlung, zwischen Selbsthilfe und Esoterik findet sie auch das Werk des Wissenschaftlers. Dieser will das Gehirn konditionieren, sich selbst einen Ort zu schaffen, an dem reines, „gleißendes Glück“ empfunden wird. Zum ersten Mal schläft sie wieder. Schläft einfach ein, auf der Couch. Den Saft presst sich Christoph am nächsten Morgen selbst. 

Helene ist früher einmal in die Kirche gegangen. Daran stört sich Chsitoph, der in Helenes Religiosität einen Ausdruck ihrer Unterwürfigkeit sieht. Als er sie voll rasender Wut schlägt und ihre Finger brechen, bleibt sie bei ihm. Als er sie fast totprügelt, kehrt sie doch zu ihm zurück. Doch Helenes Passivität wird konterkariert durch dieses kleine Lächeln. „Dieses beschissene, kleine Lächeln“, das Christoph zur ohnmächtig schäumenden Weißglut treibt, den Hirnforscher Eduard jedoch zu faszinieren scheint.

Das erste Treffen zwischen Eduard und Helene findet nach einer öffentlichen Lesung in Hamburg statt. Der charismatische Wissenschaftler bewegt sich leichtfüßig in seiner Rolle als gefragter Mann, kokettiert mit seinem Können und will Helene zunächst nicht recht ernst nehmen. Was sie will, weiß sie nicht, dennoch lässt sie sich nicht vertrösten. Und genau in dieser Unbeirrbarkeit ihrer verhaltenen Passivität scheint sie ihn herauszufordern; nachdem sie einen gemeinsamen Abend verbracht haben, gewinnen beide Interesse an- und Vertrauen zueinander. 

Als Eduard Helene wenig später wie im Rausch anruft, ihr detailliert erklärt, wie er seine Befriedigung aus der Erniedrigung von Pornodarstellerinnen zieht, wie es ihn immer wieder dazu drängt, in tiefere Abgründe seiner Phantasien vorzustoßen, legt Helene auf. Zurück zu Hause sucht sie eine Kirche auf. Doch Gott ist nicht da. 

Regisseur Sven Taddicken stellt in Gleissendes Glück mit Martina Gedeck als Helene Brindel und Ulrich Tukur als dem Kybernetiker Eduard E. Gluck zwei Leinwandgrößen gegenüber, die im Zusammenspiel faszinierende und facettenreiche Schauspielkunst beobachten lassen. Aus der Romangrundlage der schottischen Schriftstellerin A.L. Kennedy Original Bliss (1998) schuf Taddicken einen Film, der in acht Abschnitte strukturiert eine Geschichte voller Kontraste erzählt und damit zu irritieren und zu erschüttern weiß. Das ist insbesondere Martina Gedecks feinem Mienenspiel zu verdanken, durch das sie die Figur der Helene mit einer devoten, passiven und doch selbstbewussten Art kleidet. Hintergründig lächelnd reagiert sie auch dann noch, als ihr Mann sich als cholerischer Sadist erweist.

Gleissendes Glück zeigt die Komplexität und Widersprüchlichkeit von Gefühlswelten und Lebensrealitäten, Kontrolle und Trieb, Gewalt und Lust, die Sehnsucht nach Halt und Sinn, Erotik und Leid: Das alles muss hier nicht einander entgegenstehen und auch nicht immer nachvollziehbar sein. Auffallend ist, dass sich keine der Figuren in ihrem Handeln und ihren Motiven eindeutig einordnen lässt, denn durch zahlreiche gezielte Nahaufnahmen kommen sie zwar physisch nah, aber bleiben dennoch fremd. Helenes zaghaftes Tasten durch ihre Welt wird durch ihr nüchternes Auftreten ihrem gewalttätigen Mann gegenüber gebrochen, welcher wiederum in seiner schrecklichen Brutalität vor allem auch eines ist: hilflos. Ebenso Eduard, der sich hinter der Fassade eines Heilsbringers seinen sadistischen Trieben ausgeliefert fühlt und zu Helene und ihrem Körper dennoch ein zärtliches, fast kindlich entdeckendes Verhältnis aufbauen kann. Durch eine geduldige Erzählstruktur lässt Sven Taddicken den Schauspielern angemessen Raum, einen Facettenreichtum in ihren Handlungen zu zeigen, was so beklemmend wie beeindruckend nachwirkt und den Zuschauer nicht einfach behaglich aus dem Kinosaal entlässt. Martina Gedeck erhielt in diesem Jahr für Gleissendes Glück den Preis für Schauspielkunst vom Festival des Deutschen Films in Ludwigshafen. Zurecht, denn ohne ihre feinsinnige Darstellung der Helene Brindel wäre der Film ein anderer. 

Gleissendes Glück
Deutschland 2016
Regie: Sven Taddicken
Drehbuch: Sven Taddicken, Stefanie Veith, Hendrik Hölzemann
Darsteller: Martina Gedeck, Ulrich Tukur, Johannes Krisch
98 Minuten

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

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