Kolonialer Antikolonialismus

Über James Camerons „Avatar“, #OscarsSoWhite und die paradoxe Verdrängungsarbeit des Neokolonialismus

Von Andreas SchmidRSS-Newsfeed neuer Artikel von Andreas Schmid

Avatar von James Cameron war bereits zur Premiere 2009 und ist nach wie vor ein weitgehend unumstrittener Film und gerade deshalb skandalös: Über 2,7 Milliarden US-Dollar Einspielergebnis, zahllose Fangemeinschaften und nicht zuletzt das Kritikerlob stehen einer marginalen Gruppe von Spaßverderbern gegenüber, die sich entweder als Tabak-Gegner oder Evangelikale ideologisch nicht repräsentiert fanden oder als Filmkritiker an der mangelnden Originalität des Drehbuchs störten. Von der Hand zu weisen sind die frappierenden Ähnlichkeiten zu den aus Pocahontas und Dances with Wolves bekannten Erzählmustern nicht: Auch in Avatar ist es der weiße Held, der durch die Liebe zu einer Indigenen geläutert wird und nach der Aufnahme in ihren ‚Stamm’ auf der Seite der einstmaligen Feinde kämpft. Cameron verlegt diese Geschichte des Kulturkontakts in eine (noch) ferne Zukunft: Im Jahr 2154 sind die Rohstoffquellen der Erde ausgebeutet, weshalb mit Pandora der nächste Planet für die Bedürfnisbefriedigung der ‚Zivilisation’ kolonisiert werden muss. Jake Sully (Sam Worthington) tritt dabei als singulärer Held an die Stelle von John Smith (Pocahontas) bzw. John Dunbar (Dances with Wolves). Bei seiner Mission im Avatar-Kostüm entdeckt er in den Na’vi ein edles, mystisches Naturvolk und verliebt sich in Neytiri, die unschwer als Pocahontas-Äquivalent auszumachen ist. Nach erfolgter Ausbildung zum Krieger und der Zusammenführung der verstreuten Na’vi-Stämme gelingt es mit Sullys Hilfe, die Invasoren zu besiegen. Dass die Story zu überraschungsarm ausfällt und nur aus Versatzstücken allzu bekannter Erzählungen besteht, ist zwar richtig, für eine Beurteilung aber nicht entscheidend, wie aktuelle und klassisch gewordene Filme belegen. So müsste etwa The Revenant für fehlende Wendungen und Komplexität gescholten werden und auch Star Wars, der wesentliche formale wie inhaltliche Elemente von Akira Kurosawas Die verborgene Festung übernimmt, wäre dahingehend eine bloße Enttäuschung. Aus vorhandenem Material etwas Neues zu machen ist ebenso wie ein Mangel an ‚Handlung’ per se noch kein Fehler. Problematisch ist bei Avatar etwas ganz anderes, das neben den genannten Kritikpunkten oft übersehen wurde. Dem von Siegfried Kracauer formulierten Anspruch, „die in den Durchschnittsfilmen versteckten sozialen Vorstellungen und Ideologien zu enthüllen und durch diese Enthüllungen den Einfluß der Filme selber überall dort, wo es nottut, zu brechen“, (Kracauer 1932) wurde nämlich nur selten eine Rezension gerecht. Hanns-Georg Rodek, Die Welt, meinte etwa, die Geschichte „könnte in ihrer antikapitalistischen Moral zusammen von Michael Moore und Greenpeace verfasst worden sein.“ Unter wenigen erkannte Josef Joffe, Herausgeber der ZEIT, „eine herablassende, ja rassistische Botschaft.“ Zu nennen ist daneben Stefanie Hirsbrunners Monographie Sorry about Colonialism… Weiße Helden in kontemporären Hollywoodfilmen, die weitgehend überzeugend den kolonialen Subtext unter anderem in Avatar herausarbeitet. Cameron selbst, der die Politisierung seines Films einerseits ablehnt, sieht sich andererseits in der vergleichsweise jungen Tradition postkolonialer Kritik, wenn er anprangert, „how the Europeans pretty much took over South and Central America and displaced and marginalised the indigenous peoples there.“ Führt man sich den Widerspruch von ‚Autorintention’ und dem Eindruck einiger Kritiker, was die Umsetzung der Kolonialthematik anbelangt, vor Augen, dürfte es lohnend sein, Avatar ganz im Sinne Kracauers nach latenten Ideologien zu befragen, die – ob nun beabsichtigt oder nicht – womöglich den Anspruch des Films unterminieren. Die Frage, die zu stellen ist: Übt Cameron Kritik am Kolonialismus oder ist er selbst in kolonialen Denkmustern verhaftet?

Der Oberflächendiskurs als Minimalkonsens

Filme wie Jagdszenen aus Niederbayern oder Dead Man, die die Begegnung mit dem ‚Anderen’ in einem – mit einem Wort von Herbert Uerlings – multidifferentiellen Spiel klug verhandeln, erreichen die Oscars und das große Publikum in der Regel nicht. Was dazu fehlt, sind wohl vor allem Konsumierbarkeit und Konsensstiftung: Weder bieten sie Identifikationspotential noch ermöglichen sie vollkommene Suggestion und Illusion oder eine schiere Bestätigung des eigenen Standpunkts. Avatar gelingt all das: Die neue 3D-Technik und das farbenfrohe, gewollt ‚exotische’ Setting bringen den Zuschauer in den von Kracauer beschriebenen „Zustand der Hypnose und der Bewusstseinslosigkeit, der für höchsten Genuss sorgt“, zugleich aber die Anfälligkeit für Ideologie und Propaganda erhöht. Das augenfällige Naturschutzplädoyer und der Held, der sich auf die Seite des indigenen Volks, das von kapitalistischen Kolonisatoren bedroht ist, stellt, finden freilich breite Zustimmung und ermöglichen eine Befriedigung nicht nur der Sehnsucht nach Realitätsflucht, sondern auch des Bedürfnisses, eine ‚tiefere Wahrheit’ zu entdecken, das heißt zu glauben, etwas Wichtiges verstanden zu haben und im Kino relevante Kunst statt nur guilty pleasure zu erleben. Die Suggestion des Films ist also dahingehend, dass der Zuschauer sich zu ‚den Guten’ zählen kann und deshalb die eigene Perspektive nicht kritisch infrage stellen muss. Diese Beobachtung verweist bereits darauf, dass der Oberflächendiskurs um Umwelt und Ausbeutung etwas Darunterliegendes verschleiert, das zwar ebenso konsensfähig und keineswegs irritierend, aber nicht (mehr) offen artikulierbar ist. So wird sich herausstellen, dass nicht nur die Öko-Botschaft in einem Film, der lediglich das virtuelle Surrogat von Natur anbietet, mithin diese nicht zu Wort kommen lässt, sondern auch die Kritik am Kolonialismus als fadenscheinig entlarvt werden muss.

Einfalt statt Vielfalt, Typen statt Figuren

Dass das Publikum sofort weiß, wer der Böse ist, liegt vor allem an der Gegenüberstellung zweier stereotyper Gruppen: Die Menschen als kapitalistische, imperialistische Kolonisatoren sind mit weißer Haut, kühlen und grauen Farbtönen, hochentwickelter Technologie und militärisch-martialischem Habitus versehen. Das indigene Volk der Na’vi hingegen steht für Bescheidenheit, den Einklang mit der Natur und findet sich dementsprechend mit blauer Haut, bunten Farben, genügsamer Heimatverbundenheit und Traditionsliebe, ökologischem Bewusstsein und unterlegener Bewaffnung konnotiert. Drehbuch und Regie geben sich alle Mühe, die Unterschiede stark zu machen und möglicherweise verwirrende, die Dichotomie infrage stellende Übereinstimmungen zu vermeiden. Die Praxis stereotyper Alteritätskonstruktion lässt sich ebenso auf der Handlungsebene feststellen. Insbesondere, aber nicht allein die Menschen bilden durch die unablässige Wiederholung performativer Zuschreibungen „eine ganze Bandbreite politischer und kultureller Ideologien [aus], die vorurteilsbehaftet, diskriminierend, rudimentär, archaisch und ‚mythisch’ sind“. (Bhabha 1994) Der manifestierte Stereotyp – als natürliche, empirische Gegebenheit angesehen – rechtfertigt im Kontext dieser Ideologien für beide Gruppen sodann die ablehnende Haltung gegenüber dem Fremden. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, dass sich die derart trennscharf gezeichneten Räume von Eindringlingen und Einheimischen vor dem finalen Kampf nie berühren oder überschneiden, sodass bisweilen der Eindruck entsteht, es bestünde nicht einmal geographische, geschweige denn kulturelle Nähe zwischen den beiden Gruppen. Dass Cameron gezielt auf Stereotypie setzt und den Kontrast forciert, trägt einerseits dazu bei, die wohlfeile Kritik überdeutlich, geradezu aufdringlich zu betonen, entlarvt jedoch andererseits einen unreflektierten Begriff kultureller Homogenität, der sich aus der Markierung augenscheinlicher Differenzen zwischen, aber nicht innerhalb von Kulturen speist. Auch der Grenzgang des Protagonisten Jake Sully wirkt in dieser Hinsicht nicht etwa dekonstruierend, sondern vielmehr affirmativ.

Der Avatar – ein hybrides Subjekt?

Damit Jake Sully die indigene Gesellschaft wirkungsvoll infiltrieren und zur ‚wirtschaftlichen Zusammenarbeit’ bewegen kann, werden durch die Verbindung der DNS von Mensch und Na’vi sogenannte Avatare, die per Gedankenkontrolle durch einen Menschen gesteuert werden, erzeugt. Der Avatar gleicht dem Na’vi äußerlich vollkommen, ist jedoch vom menschlichen Denken beseelt. In dieser Mischung könnte man den Bruch mit der zuvor nachgezeichneten Dichotomie und die Herausbildung eines Grenzgängers zwischen den Kulturen, eines hybriden Subjekts vermuten. Tatsächlich kommt es aber an keiner Stelle zur Hybridisierung. Die Vermengung der DNS schafft eine bloß äußerliche Hülle, die ohne die Kontrolle durch ein dezidiert menschliches Subjekt leblos bleibt. Sully vermischt sich also nicht, sondern tritt in einen für ihn zunächst lediglich virtuellen Raum. Die bloß scheinbare Hybridität schafft auch nicht „einen Platz für Differenz ohne eine übernommene oder verordnete Hierarchie“, weil stets entweder die menschliche oder die Na’vi-Identität höher eingeschätzt wird. Somit wird an keiner Stelle der „Schwellenraum zwischen den Identitätsbestimmungen“ (Bhabha 1994) erreicht, sondern fortlaufend von einem Pol zum anderen gewechselt. Die Loslösung von seinem menschlichen Körper zugunsten des Avatars in der Schlussszene vollendet zum einen dieses Ping-Pong-Spiel der Identitäten und zum anderen den aggressiv eingeforderten Integrationsprozess, dem sich Sully seit seiner ersten Begegnung mit den Na’vi unterwirft.

Weiße Haut, blaue Maske – und doch dasselbe Gesicht?

Nicht nur die Partei der Menschen fordert von Sully ein klares Bekenntnis zu seiner ‚Rasse’. Denselben gewaltsamen Identitätszwang üben die als edle Wilde angedachten Na’vi aus, wenn sie den Avatar in seiner Eigenart zunächst ablehnen und vor der Anerkennung eine uneingeschränkte Assimilation verlangen. Während die menschlichen Kolonisatoren bestrebt sind, die Waldbewohner von den Rohstoffquellen und damit aus dem umkämpften Raum zu vertreiben, scheinen die Na’vi den Menschen entweder fernhalten oder angleichen zu wollen. In beiden Fällen geht es den Vertretern der Gruppen um die Reinheit und Eindeutigkeit des bestimmten Raumes, mithin um die Vermeidung und den Ausschluss kultureller Differenz in und aus selbigem. Dass sich der Kolonialrassismus „in nichts von den anderen Rassismen“, (Fanon 1952) wie dem der aggressiv-forcierten Integrationspolitik, unterscheidet, legt damit eine in gewisser Hinsicht paradoxe und deshalb bemerkenswerte Gemeinsamkeit der zwei so prägnant auf Verschiedenheit gezeichneten Kulturen offen: Beide definieren sich über die Nicht-Identität mit dem gefürchteten oder als störend empfundenen Anderen. Man könnte sagen, es handelt sich um zwei negativ geladene Pole, die in ihrer Funktionslogik der Identitätsvermeidung identisch sind, sich aber gerade deshalb voneinander abstoßen. Es sind somit nicht nur die Menschen, die die Unterordnung des Anderen unter die eigenen Interessen und Ansprüche fordern, sondern ebenso die scheinbar friedlichen Na’vi. Die Deklassierung des Anderen ist außerdem – erneut ein wenig paradox anmutend – im Fehlen eines Bewusstseins um die eigene Fremdenfeindlichkeit bei gleichzeitiger Erwartung einer Fremdenfeindlichkeit des Fremden realisiert. Ohne voneinander Kenntnis zu haben, setzen beide Gruppen den eigenen Rassismus auch schon bei der jeweils anderen voraus: die Menschen, wenn sie zur Kontaktaufnahme bereits eine blaue Maske aufsetzen, die Na’vi, wenn sie allein aufgrund der Andersartigkeit des Avatars böse Absichten vermuten. Der Fremde wird diskriminiert, weil er im Verdacht steht, das Eigene zu diskriminieren, sodass die Diskriminierung dann nicht nur gegenseitig erwartet wird, sondern auch stattfindet. Dank des aufdringlichen Oberflächendiskurses bleiben einem unkritischen Publikum diese Implikationen jedoch verborgen, sodass es sich bedenkenlos mit den Na’vi identifiziert und solidarisiert. Dadurch wird die Selbstverständlichkeit gewaltsamer und kulturauslöschender Integrationspraktiken bestätigt, und stereotype Freund-Feind-Konstruktionen bleiben unhinterfragt.

Die Apotheose Jake Sullys

Ebenso unkritisch adaptiert Cameron auch die Figur des weißen Messias, der ganz im Sinne des amerikanischen Traums vom Außenseiter (gehbehinderter Soldat) zum Helden (Anführer der Na’vi-Stämme) aufsteigt. Damit wird das kapitalistische Durchhalte-Credo (‚Jeder kann es schaffen!’) bedient, wodurch es gelingt, „den angeblichen Wünschen und Wachträumen der großen Menge Rechnung [zu] tragen“, (Kracauer 1960) was vermutlich einen nicht unwesentlichen Beitrag zum Erfolg des Films geleistet hat. Gleichzeitig lässt die Messias-Figur als zutiefst kolonial funktionierendes Element diesen Erfolg problematisch erscheinen. Dass kampftechnisch unterlegene Gruppen einen Helden brauchen, um gegen den unbezwingbar scheinenden Goliath bestehen zu können, ist kein Novum im Film, sondern aus erfolgreichen Produktionen wie Star Wars oder Lord of the Rings bekannt. Dass in Avatar jedoch gerade ein weißer, männlicher, westlicher Held das als primitiv gezeichnete, blaue Volk der subalternen Na’vi vor Auslöschung oder Vertreibung retten muss, ist vor dem Hintergrund der vorgeblich intendierten Kolonialismuskritik entlarvend. Nach seiner Integration gelingt es Jake Sully allein, eine Art Flugsaurier zu bändigen, was zur Vereinigung der zerstreuten Na’vi-Stämme und damit zur erfolgreichen Verteidigung gegen den Angriff der Menschen führt. Die ungleichförmige, teils nomadische, teils sesshafte Lebensweise und die Heterogenität der unterschiedlichen Stämme wird als Gegenmodell zum Einheitsgedanken, der sich aus dem westlichen Nationalstaatskonzept speist, abgewertet. Sully muss zuerst durch die Erfüllung der mythischen Aufgabe um den Flugsaurier eine Ordnung schaffen, die derjenigen der Menschen in Grundzügen gleicht, um den Na’vi den militärischen Erfolg zu ermöglichen. Dass diese Schlüsselrolle nur er, nicht aber ein ursprüngliches Mitglied der Bevölkerung einnehmen kann, macht ihn, den ursprünglichen Kolonisator, unersetzlich und notwendig für die Fortexistenz der zu kolonisierenden Einheimischen. Die Subalternen können hier nicht nur nicht für sich selbst sprechen, sie sind wehrlos und handlungsunfähig, unkoordiniert und letztlich verloren, wenn nicht der weiße Messias für sie eintritt. Wenn sich Sully als Avatar in die indigene Neytiri verliebt und ihr dies mit den kulturspezifischen Worten („Ich sehe Dich.“) verständlich macht, ist an Spivak zu denken: „Ihnen ins Auge zu sehen heißt nicht, sie zu repräsentieren (vertreten*), sondern zu lernen, uns selbst zu repräsentieren (darstellen*).“ (Spivak 1985) Weder Jake Sully noch James Cameron scheint viel daran gelegen zu sein.

Kolonialmacht Hollywood und die Kritik als Chance

Auf diese Weise wird das 3D-Spektakel zusammen mit seinem beachtlichen Erfolg zu einem Lehrstück, an dem sich zeigen lässt, wie stark die Populärkultur sowohl in ihrer Produktion als auch der Rezeption von kolonialen Fantasien durchsetzt ist. Damit ist außerdem zu erklären, warum die #OscarsSoWhite sind, wie in diesem Jahr von verschiedenen Seiten zu Recht angeprangert wird, und wie man diesem Missstand entgegenwirken kann. Eine Neubesetzung der Jury im Zeichen der vielgepriesenen Diversität allein würde daran noch nichts ändern. Ebenso wenig hilfreich sind Nominierung und Auszeichnung von Filmen wie 12 Years a Slave oder Avatar, die unabhängig von der Hautfarbe der Regieführenden oder der Jury nach kolonialrassistischen Mustern funktionieren. Anstatt solche Konsensfilme in den Himmel zu loben und damit selbstgefällig das Überwinden offensichtlich rassistischen Kinos zu feiern, für das vor allem The Birth of a Nation, NS-Propaganda, aber auch frühe John Wayne-Western stehen, sollten neokoloniale Strukturen bemerkt und von der Kritik aufgezeigt werden, um auch beim Publikum eine Sensibilität dafür zu schaffen. Gleichzeitig müssten subversive, verfremdende und problematisierende Ansätze in populären sowie ‚kleineren’ Produktionen, wie zum Beispiel in Django Unchained, in dem bereits genannten Dead Man oder auch in Nymphomaniac, noch deutlicher herausgestrichen und gewürdigt werden. Diese Aufgaben richten sich nicht ausschließlich an die Oscar-Jury, sondern an die Filmkritik überhaupt, die dadurch ihre gesellschaftspolitische Relevanz stärker hervorkehren könnte. Avatar kann mithin als symptomatisch für einen (neo-)kolonialen Diskurs und als exemplarisch für die paradox anmutende Verdrängungsarbeit im (Hollywood-)Film angesehen werden: Es ist ein Lehrstück, das nichts lehrt. Das wohlfeile und unangenehm aufdringliche Plädoyer für Umweltschutz und die ‚edlen Wilden’ ist zu plump und vor allem zu einfach – ‚common sense’ möchte man sagen – und verhindert damit, dass ein tatsächlich kritisches Potenzial entfaltet wird, das Film durchaus haben kann. Der implizite koloniale Blick, der Traum von einer weißen Superiorität, den Regie und Zuschauer träumen, wird dagegen an keiner Stelle offengelegt, sondern hinter h­übschen 3D-Effekten, knallbunten Bildern und viel Pathos versteckt. Avatar leistet einen Beitrag zur paradoxen Verdrängungsarbeit, die das Gut-Gemeinte dem Gut-Gedachten vorzieht und mit guter Miene böses Spiel verschleiert. Mit anderen Worten: Der neue Kolonialismus erscheint gleichsam im Gewand des Antikolonialismus.

Avatar – Aufbruch nach Pandora
Erscheinungsjahr: 2009
Regisseur: James Cameron
Produzenten: James Cameron, Jon Landau
Musik: James Horner
Länge: 162 Minuten

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

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