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Karl-Josef Müller schrieb uns am 18.09.2026
Thema: Anna-Lena Eick: Being the Trouble Ein Gespräch mit Mithu Sanyal über Literatur, digitale Medien, Krieg und Shitstorms
Einige wenige Anmerkungen zum Thema Pazifismus.
"Ich bin in einem Deutschland aufgewachsen, in dem „Nie wieder“ sowohl „Nie wieder Krieg“ als auch „Nie wieder Auschwitz“ bedeutete. Und dann kam das Jahr 1999 und unser damaliger Außenminister Joschka Fischer argumentierte, dass Deutschland sich am Kosovo-Krieg beteiligen müsse, um ein neues Auschwitz zu verhindern, sprich: dass wir, um „Nie wieder Auschwitz“ zu ehren, „Nie wieder Krieg“ loslassen müssten. Das hat den Diskurs grundlegend verändert."
Wer wollte sich ernsthaft gegen dieses doppelte "Nie wieder" wenden? Zu bedenken gilt allerdings, dass Auschwitz ohne den gnadenlosen Angriffskrieg des NS-Regimes nicht möglich gewesen wäre. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt wurde Polen zwischen beiden Diktaturen aufgeteilt, nach dem Überfall auf die UDSSR begannen im Oktober 1941 die Deportation der jüdischen Bevölkerung. Europa war nicht willens oder militärisch nicht dazu in der Lage, dem Einhalt zu gebieten. Das Münchner Abkommen, Stichwort Appeasement-Politik, Chamberlains "Peace for our time!", es war eine Illusion. Es gelten, so denke ich, die Worte Thomas Manns aus seiner Rede im Juli 1949, einer Goethe-Rede, in der Goethe nur am Rande eine Rolle spielen konnte:
"Der Krieg, den dieses Regime in sich getragen von Anbeginn, der ihm für jeden, der sehen konnte, von je an der Stirn geschrieben stand, war da und, wie gewiß mancher von Ihnen hier, habe ich nie an seinem Ausgang gezweifelt."
Ein Ausgang freilich, der ohne militärische Gewalt nicht möglich gewesen wäre.
"Wenn es beispielsweise um Gaza geht, ist bereits das Wort Genozid in Deutschland problematisch, weil wir dabei direkt an den Holocaust denken."
Wenn von einem Genozid in Gaza die Rede ist, so ist diese Bezeichnung nicht nur "problematisch, weil wir dabei direkt an den Holocaust denken", sondern auch, weil wir dabei direkt an das Massaker vom 7. Oktober 2023 denken - sollten, so möchte ich ergänzen. Es geht nicht darum, dass ein Akt grausamster Gewalt die Antwort des israelischen Staates rechtfertigen würde, sondern darum, beide Seiten in Augenschein zu nehmen. Und dann zu fragen, wie der Staat Israel mit einer pazifistischen Gesinnung leben könnte ...
"Dabei ist Pazifismus die radikale Überzeugung, dass alle Menschenleben gleich viel wert sind. Und dass man, um einen anhaltenden Frieden zu erreichen, Gerechtigkeit für alle beteiligten Parteien herstellen muss. Das ist harte Arbeit. Das ist das Gegenteil davon, einfach nichts zu tun. Ich denke, eines unserer größten Probleme ist diese Tendenz zum Schwarz-Weiß-Denken: Licht gegen Dunkelheit, Wir gegen Sie, Gut gegen Böse, Freund- versus Feindbildschema. So eindeutig ist es nie. Sobald unsere Politiker also anfangen, von Freund und Feind zu sprechen, müssen wir auf der Hut sein. "
Nein, "So eindeutig ist es nie." Stellt sich die Frage, wie die Alliierten nach 1939 auf den deutschen Angriffskrieg pazifistisch hätten reagieren sollen. Oder die Ukraine auf den seit 2014 anhaltenden Krieg mit Putins Diktatur. Ähnliches gilt, so denke ich, für den Kosovo-Krieg. Was wäre dort geschehen, hätten Deutschland und seine Mitstreiter nicht eingegriffen? Ein Pazifismus, der sich all diesen Fragen nicht stellt, hat in seiner Radikalität eines nicht im Blick: "So eindeutig ist es nie."
Kritische Nachfragen von Anna-Lena Eick und Inge van de Ven bleiben aus.
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Sahib Kapoor schrieb uns am 20.08.2026
Thema: Elke Riemer-Buddecke: Sahib Kapoor über „E.T.A. Hoffmanns ‚Der Sandmann‘ (1816) und seine Darstellung in expressionistischen Buchillustrationen“
Ich danke den Leserinnen und Lesern von literaturkritik.de für ihr Interesse an meinem Buch. Diese sogenannte Rezension ist keine ernsthafte Auseinandersetzung mit meinem Buch. Sie wirkt eher so, als hätte die Autorin ihr Urteil längst gefällt und sich dann die Fakten passend zurechtgebogen.
Meine Behauptung, dass Stuhlmann, Goldberg, Winzer, Wacik und Windisch in Riemer-Buddeckes Katalog fehlen, sei laut der Rezensentin „schlichtweg falsch“. Sie fügt hinzu: „Ein Blick ins Personenregister hätte genügt.“ Diesen Rat habe ich befolgt und Riemer-Buddeckes „E.T.A. Hoffmann und seine Illustratoren“ (1976) erneut geprüft, dieselbe Ausgabe, auf die sich die Rezension selbst beruft. Das Ergebnis bestätigt exakt meine Angabe: Keiner der fünf Künstler ist dort verzeichnet (S. 135). Es handelt sich also nicht um ein Missverständnis über die Auflage oder das Erscheinungsjahr, sondern um dieselbe Ausgabe, und meine Aussage bleibt bestehen. Sollten diese Künstler in der 2024 erschienenen Neubearbeitung auftauchen – einem Werk, das erst nach Abschluss und Annahme meiner Dissertation erschien –, stellt sich die Frage, woher diese Information stammt und warum sie ohne Herkunftsangabe übernommen wurde. Eine Quelle, die zum Zeitpunkt meiner Arbeit noch nicht existierte, konnte ich nicht zitieren. Wissenschaftlich üblich wäre es gewesen, jene Quelle zu benennen, die einen Fehler korrigiert hat, der sich fast vierzig Jahre lang in dieser Katalogisierungsarbeit gehalten hat.
Auch im Umgang mit den Primärquellen lässt sich ein konkreter Fehler feststellen. Ludwig Fahrenkrog wird 1976/78 (S. 135) und erneut, unverändert, 2024 (S. 24) als Illustrator zum „Sandmann“ geführt. Sein Werk enthält jedoch keine Illustration zum „Sandmann“, sondern eine zum „Majorat“. Das ist keine Frage der Interpretation, sondern ein schlichter Fehler, der sich durch einen kurzen Blick ins Buch hätte aufklären lassen – und der dennoch fast fünfzig Jahre und zwei Auflagen überdauert hat, ohne korrigiert zu werden. Ich habe versucht, dies in meiner Arbeit richtigzustellen.
In „E.T.A. Hoffmann – Porträts und Illustrationen“ datiert Riemer-Buddecke Patiences Werk als Comic von 2015, obwohl es sich um eine Serie für die Ausstellung Marvellous Mechanical Museum in Compton Verney handelte, die erst 2018 eröffnet wurde. Dasselbe Muster zeigt sich an anderer Stelle. Nathalie Franks 2023 erschienene Ausgabe „The Wounded Storyteller“ fehlt in ihrem Katalog, obwohl sie vor dessen eigener, 2024 veröffentlichter Neubearbeitung erschien. Für Riemer-Buddeckes Katalog, der sich selbst als Ergebnis von „über vier Jahrzehnten“ Forschung versteht und die Erfassung von „über 900 Illustratoren“ beansprucht, ist das Übersehen einer derart aktuellen, einschlägigen Publikation und eine falsche Datierung um mehrere Jahre kein Nebenpunkt, sondern ein Indiz dafür, wie aktuell und sorgfältig ihre eigene Forschung zum Zeitpunkt der Veröffentlichung tatsächlich war.
Die Rezension kritisiert zudem meine Darstellung von Romantik und Expressionismus als unvollständig oder einseitig. Mein Buch erhebt jedoch nirgends den Anspruch, eine umfassende Geistesgeschichte beider Epochen zu liefern. Sein Ziel ist enger gefasst: die intermediale Beziehung zwischen E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“ und den zwischen 1913 und 1925 entstandenen expressionistischen Buchillustrationen zu untersuchen. Über die Auswahl, die ich innerhalb dieses Rahmens treffe, lässt sich streiten. Eine Arbeit kann jedoch schwerlich dafür kritisiert werden, etwas nicht zu leisten, das sie nie zu leisten beabsichtigte.
Eine ähnliche Unterscheidung gilt für die Einwände zu Komposition, Terminologie und symbolischer Deutung. Wo die Rezension meine Lesart eines Motivs oder meine theoretische Rahmung infrage stellt, handelt es sich überwiegend um Fragen des wissenschaftlichen Urteils. Kunsthistorische Interpretation ist keine Mathematik; unterschiedliche Lesarten können gleichermaßen legitim nebeneinanderstehen. Ein solcher Dissens ist Teil des wissenschaftlichen Diskurses – sofern er argumentativ fundiert und evidenzbasiert geführt wird. Bemerkenswert ist allerdings der Maßstab, mit dem hier gemessen wird. Die unabhängige Rezension von Riemer-Buddeckes „E.T.A. Hoffmann – Porträts und Illustrationen“ verzeichnet eine Reihe von Werturteilen, die durch keinerlei Argumentation gestützt werden: ein Aquarell sei „brillant“, ein Bild „überzeugend“, eine Comic-Adaption „meisterhaft und in erstaunlicher Intensität“ – Zuschreibungen, die, wie die Rezensentin selbst feststellt, unbelegt bleiben und ausdrücklich „persönliche Vorlieben eingeschlossen“ formuliert sind. Ein Werk, dessen eigene Deutungsarbeit auf diesem Niveau operiert, sollte zurückhaltend sein, wenn es die interpretative Freiheit anderer als Beleg mangelnder Wissenschaftlichkeit wertet.
Zur Sprache: Ich schreibe nicht in meiner Muttersprache und beanspruche nicht, fehlerfreies Deutsch zu schreiben – eine Realität wissenschaftlicher Publikationen, die nicht in der Erstsprache ihrer Verfasserin oder ihres Verfassers entstehen. Was ich zurückweise, ist nicht die Kritik an einzelnen Formulierungen, sondern die pauschale Zahl, die daraus gemacht wird: „zehn bis zwanzig Fehler pro Seite“. Diese Zahl bezieht sich auf ein ganzes Kapitel, wird jedoch an keiner Stelle durch eine Fußnote, eine Aufstellung oder eine nachvollziehbare Zählweise belegt. Eine Zahl dieser Größenordnung suggeriert wissenschaftliche Präzision, bleibt aber ohne Dokumentation eine bloße Behauptung – und damit genau jene Art unbelegter Zuschreibung, die die Rezensentin an anderer Stelle meiner Arbeit vorwirft. Wer Genauigkeit einfordert, sollte sie auch selbst liefern.
Zum Vorwurf, ich hätte Coppelius und Coppola fälschlicherweise als identisch dargestellt: Diese Identifikation ist keine Erfindung meinerseits, sondern eine der zentralen Ambiguitäten der Erzählung selbst. Ein Blick in Hoffmanns Urtext ist an dieser Stelle aufschlussreich. Dort heißt es ausdrücklich: „Am Ende war [Coppola] doch wohl der gräßliche Sandmann Coppelius.“ Hoffmann lässt diese Frage in der Erstausgabe bewusst offen – genau das ist der Grund, warum sich die Forschung, von Freuds Aufsatz „Das Unheimliche“ bis in die Gegenwart, seit über einem Jahrhundert an dieser Erzählung abarbeitet. Dass eine Illustration oder wissenschaftliche Analyse Coppelius und Coppola als Doppelgestalt behandelt, ist keinem Missverständnis der Handlung geschuldet, sondern folgt einer etablierten, textlich begründeten Lesetradition.
Zusammengenommen ergibt sich ein Muster, das sich nicht länger übersehen lässt. Das Riemer-Register, der Fahrenkrog-Fehler, die falsche Datierung von Patiences Ausstellung, die fehlende Franks-Ausgabe, die unbelegte Fehlerzahl – all diese Punkte betreffen genau jene Stellen, an denen meine Forschung die Autorität eines Katalogs berührt, der seit fast fünf Jahrzehnten als „Standardwerk“ gilt. Dass dieser Katalog, wie die unabhängigen Rezensionen von Uwe Hentschel und Thorsten Schulte zu Riemer-Buddeckes 2024er Ausgabe zeigen, bis heute unkorrigierte Fehler aus der Erstauflage enthält, macht diesen Befund umso deutlicher. Ein Lebenswerk gegen berechtigte Kritik zu verteidigen, ist völlig legitim. Etwas anderes ist es jedoch, den Kollegen, die meine Arbeit empfohlen haben, indirekt mangelnde Sorgfalt vorzuwerfen. Ebenso problematisch ist es, eine auffällige Zahl auf nur wenigen, nicht repräsentativen Beispielen aufzubauen, während man sich in den eigenen Publikationen selbst auf unbelegte Behauptungen und fehlerhafte Angaben stützt, die man bei anderen kritisiert.
Ob es sich hier um eine Rezension meines Buches oder um die Verteidigung einer Autorität handelt, die meine Arbeit infrage gestellt hat, mag die Leserschaft selbst entscheiden. Die hier zusammengetragenen Fakten sprechen für sich.
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Bernd Nitzschke schrieb uns am 18.08.2026
Thema: Franz Sz. Horváth: Viel Lärm um wenig? Ein von Jürgen Mackert und Ilan Pappe herausgegebener fragwürdiger Sammelband widmet sich dem „Paradigma des Siedlerkolonialismus“
Es genügt ein Blick in die israelische Zeitung Haaretz, um zu verstehen, was Siedlerkolonialismus ist - und warum die Beschäftigung damit bezüglich Israel heute aktuell wichtiger ist als sie es im Falle von Australien, Kanada, USA etc. wäre - Beispiele, deren vermeintlich unzureichende Berücksichtigung in dem von Jürgen Mackert und Ilan Pappe herausgegebenen Buch "Siedlerkolonialismus. Grundlagentexte des Paradigmas und aktuelle Analysen" Horváth in seiner Besprechung anführt, um die Herausgeber zu diskreditieren.
Als illustratives Beispiel für Siedlerkolonoialismus in der West Bank sei dieser Artikel aus Haaretz english edition vom 9. August 2026 genannt:
"IDF Turns Palestinian Family Home Into Army Lookout to Secure West Bank Settlement Inauguration".
Quelle: https://www.haaretz.com/west-bank/2026-08-09/ty-article/.premium/idf-removes-palestinian-family-from-home-for-west-bank-settlement-inauguration/0000019f-e6a9-dfd7-a19f-e7ef654e0000?gift=a51f0b666a6d442f88cb50220f729708
Noch aktuller ist dieser Beitrag aus Haaretz vom 18. August 2026:
"IDF Marks Palestinian Detainees With Numbers as It Expands Northern West Bank Operations"
Quelle: https://www.haaretz.com/west-bank/2026-08-18/ty-article/.premium/idf-brands-detained-palestinians-with-numbers-as-northern-west-bank-raids-expand/000001a0-140b-dcd0-adae-ff1f3fb10000?utm_source=mailchimp&utm_medium=Content&utm_campaign=daily-brief&utm_content=0965d1a52e
Wer etwas mehr wissen will als das, was in deutschen Tageszeitungen erscheint oder in Rezensionen wie der von Franz Horváth zu finden ist, dem sei ein Abo der englischen Internetausgabe von Haaretz empfohlen. Siehe dazu weiter unter:
https://www.haaretz.com/
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Margret Hövermann-Mittelhaus schrieb uns am 04.08.2026
Thema: Gerrit Althüser: Schreiben zwischen Ordnung und Überschreitung Elena Ferrante berichtet in ihren Poetikvorlesungen „An den Rändern“ von der Suche nach einer eigenen Stimme und erklärt ihr Schaffen als Zusammenspiel zweier unterschiedlicher Schreibweisen
Hallo Gerrit Althüser
»Lesens- und bedenkenswert, wenn auch eigenwillig und in einigen Schlüssen etwas gewagt, ist auch der Dante-Text, in dem Ferrante ihre Verehrung des Klassikers ausdrückt und ihn als einen Entdecker weiblichen Intellekts feiert.« Das ist in der Tat eine sehr interessante These vor allem vor dem Hintergrund, dass auch Irmtraud Morgner in ihrem Roman »Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura« (1974) auf die Dante Figur Beatrice zurückgreift und sie als ein aktiv handelndes Subjekt des Lebens und der Kunst darstellt, ihr Thema ist die Menschwerdung. So verbindet Irmtraud Morgner auch das Weibliche mit dem Männlichen, ähnlich wie Elena Ferrante die Dante Figur Beatrice interpretiert.
Herzliche Grüße
Margret Hövermann-Mittelhaus
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Karl-Josef Müller schrieb uns am 10.07.2026
Thema: Rolf Löchel: Eichmann und Heidegger, Brecht und Benjamin Hannah Arendts „Vorträge und Aufsätze 1963-1977“ sind großenteils noch immer instruktiv
"Bekannter allerdings wurde die jüdische Autorin durch ihre politischen Publikationen und Stellungnahmen, für die sie einerseits von ihren GlaubensgenossInnen, andererseits von Seiten der kommunistischen Linken zwar Widerspruch erntete."
Hannah Arendt wurde als Bürgerin des Deutschen Reiches 1905 geboren. Im April 1938 wurde ihr die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. 1951 wurde Hannah Arendt Staatsbürgerin der USA.
Weiterhin ist auf Wikipedia zu lesen: "Als säkulare, nicht assimilierte Denkerin war sie überzeugt, dass jüdische Identität nicht durch Anpassung, sondern durch aktives Handeln verteidigt werden müsse."
Von GlaubensgenossInnen kann somit nicht die Rede sein. Das ist zwar schön gegendert, gibt allerdings zu denken, stellt sich doch die Frage nach der Kompetenz des Rezensenten. Nochmals Wikipedia: "Ihre jüdische Herkunft, die sie als zentrale Identität verstand, und die Erfahrung der Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime prägten ihr Denken und ihr Engagement gegen Totalitarismus." Und man möchte hinzufügen: Wie kann es für einen denkenden Menschen anders sein?
Was aber bedeutet es, Religionsausübung und Glauben in eins zu setzen mit der Herkunft? Es liegt auf der Hand, dass sich das Selbstverständnis von Menschen jüdischer Herkunft nicht trennen lässt vom allgegenwärtignen Antisemitismus und von der Shoa, das hat allerdings nichts, aber auch gar nichts zu tun mit religiösen Überzeugungen.
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Petra Brixel schrieb uns am 25.06.2026
Thema: Kommentar zur Rezension von Nora Eckert über das Buch von Alice Schwarzer
Nora Eckert schreibt nach ihrer vernichtenden Kritik: "Sicher findet Schwarzer damit auch Zustimmung – aber bei Leuten, mit denen ich lieber nicht an einem Tisch sitzen möchte." In der Tat, man muss nicht allem zustimmen, was ein Autor resp. eine Autorin schreibt, aber Denkanstöße sind erlaubt und lassen sich fast jedem Werk entnehmen. Ich hatte bei der Rezension den Eindruck, dass Frau Eckert endlich mal die Gelegenheit ergreifen wollte, Frau Schwarzer die unverblümte Meinung zu sagen. Dafür ist aber eine Rezension nicht gedacht. Dass sie mit Menschen, die Alice Schwarzers Buch etwas abgewinnen können, nicht an einem Tisch sitzen will, ist weder tolerant noch demokratisch.
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Prof. Dr. Rüdiger Scholz schrieb uns am 23.06.2026
Thema: Nora Eckert: Im intellektuellen Sinkflug Die feministische Pionierin Alice Schwarzer versucht in „feminismus pur. 99 worte“ zumindest alphabetisch korrekt zu erklären, dass sie immer recht hat
Nora Eckerts Ansicht, „Schwarzers Feminismus“ sei als alleinseligmachende[.] Wahrheit“ „längst Geschichte“, „die Anschlussfähigkeit in weiten Teilen verlorengegangen“, versucht, Schwarzer und ihre Publizistik als überlebtes Greisentum zu anzuschwärzen und damit loszuwerden. Eckert vermisst an Schwarzer „Selbstzweifel“ und eine „selbstkritische Haltung“, damit Schwarzer sich selbst erledigt. Ausgerechnet den Macho Wolf Biermann als Zeugen gegen Schwarzer zu zitieren, der behauptete, Frauen besser nach ihrem Hintern als nach ihrem Gesicht zu unterscheiden, passt dazu.
Entlarvend für die Rezensentin ist ihre These, Prostitution sei „selbstbestimmte Sexarbeit“. Um die Prostitution als ehrbares Gewerbe zu deklarieren, werden gleich drei Zeuginnen genannt. Die Gewalt gegen Frauen in der Prostitution, das Hauptthema Schwarzers, wird einfach weggelassen und mit den zitierten Büchern umgedeutet in die an sich heile Welt der Sexarbeiterinnen. Wer verkennt hier die Wirklichkeit?
Eckert begreift die Aktualität der Themen, Aktionen und Meinungen von Alice Schwarzer und „Emma“ nicht. Eckerts Kritik von Schwarzers Haltung zum problemlosen Wechsel des Geschlechts im Personalausweis lässt Schwarzers Kritik an den sozialen Folgen fort: So können Männer in Frauenhäuser eindringen und ihre geflüchteten Ehefrauen attackieren. Gegen Schwarzer wird dann ausgerechnet das Buch eines Mannes zitiert.
Eckerts Rezension ist keine faire Kritik, sondern der Versuch, Schwarzer zu diffamieren. Mit ihrer Rezension ergreift Eckert Partei nicht nur gegen Schwarzer, sondern generell gegen die Interessen der Frauen.
Rüdiger Scholz
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Günter Helmes schrieb uns am 10.06.2026 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Günter Helmes: Eine erschütternde Geschichte, von der wir Kenntnis nehmen sollten András Visky wartet mit einem literarisch ansprechenden Romanerstling auf
Lieber Herr Horváth,
vielen Dank für Ihren Hinweis - und für Ihre guten Worte!
Mit besten Grüßen und Wünschen,
Günter Helmes
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Franz Sz. Horváth schrieb uns am 03.06.2026
Thema: Günter Helmes: Eine erschütternde Geschichte, von der wir Kenntnis nehmen sollten András Visky wartet mit einem literarisch ansprechenden Romanerstling auf
Vielen Dank, lieber Herr Helmes, für Ihre ausführliche, verstehende und empathische Rezension des Buches, das ich trotz zweier Anläufe nicht beenden konnte. Zu Ihrem Wunsch (" Es wäre eine Freude, wenn András Visky die Kraft für einen weiteren Roman aufbringen würde."): letztes Jahr veröffentlichte Visky tatsächlich einen Folgeroman mit dem Titel "Illegalisták" ("Illegalisten"/"Untergrundkämpfer"). Darin geht es letztlich um die Vorgeschichte von "Die Aussiedlung", die 1930er und 1940er Jahre. MfG, Franz Horváth
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Margret Hövermann-Mittelhaus schrieb uns am 26.05.2026
Thema: Anne Stollenwerk: Wer jagt wen? Gaea Schoeters demonstriert in ihrem fabelhaft unangenehmen Roman „Trophäe“ die Macht von Narrativen
Hallo Frau Stollenwerk,
der Roman - eigentlich ein Thriller? - ist grausam. Die Haltung der Erzählerinstanz zu allen Figuren ist von Zynismus geprägt. Verlieren alle oder gewinnt einer? Immer wieder wird gejagt, ein Nashorn, ein Büffel, ein anders Raubtier, ein Mensch? Es geht um die Grenzen von Moral und Ethik. Es geht um Naturschutz und Postkolonialismus und ganz am Rande auch um Frauen, aber nur als sexuelle Fantasie von Mr. Hunter, strotzend vor Männlichkeit, der seiner Frau etwas von seiner Jagd mitbringen möchte. Was wird hier eigentlich als Gesellschaftskritik geboten? Der weiße Kolonialist, Millionär, Amerikaner, der in Afrika (!) auf die Jagd geht? Ich klappte das Buch zu und bin entsetzt. Kann ich jetzt den Zusammenhang erklären zwischen Kolonialismus, Imperialismus, Kapitalismus und Postkolonialismus?
Herzliche Grüße
Margret
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Margarete Hövermann-Mittelhaus schrieb uns am 19.05.2026
Thema: Rolf Löchel: Immer Ärger mit Harry Margret Schepers’ lesenswerter Roman „… und wir träumten vom Matriarchat“ ist Krimi und Reminiszenz an der Frauenbewegung der 1970er in einem
Hallo Herr Löchel,
für die Frauenbewegung der 70er Jahre stand eine gewaltfreie und gleichberechtigte Gesellschaft im Vordergrund. Patriarchalische Strukturen sollten hinterfragt werden, es entstand eine Vision einer weiblich geprägten Kultur, die eine Alternative zu Unterdrückung und männlicher Machtausübung sein sollte. Davon ist leider bei den Protagonistinnen im Jahr 2018 wenig übrig geblieben. Wenn Susa über ihre damalige Freundin Hannah lästert: »Hannahs Haar stand vom Kopf ab, ein geblümtes T-Shirt hing nachlässig über ihre graue Pumpwallehose. Ästhetisch ein Graus.« (S. 239). Oder sich mit einem Unterton des Neids über ihre Freundin Theresa sagt: »Sie sah klasse aus Teuer. Kaschmir, dezentes Gucci, eine Hermes-Birkin-Tasche. « (S. 114).
Frauensolidarität, erstmals beschrieben in den 70er Jahren, bedeutet Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung von Frauen, um gemeinsam für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung zu kämpfen. Der Begriff betont ein verbindendes Wir-Gefühl über soziale oder kulturelle Unterschiede hinweg.
Das fehlt mir in dem Roman, stattdessen geht es im Jahr 2018 um eine »Leiche Keller«, für die alle Protagonistinnen verantwortlich sind - völlig absurd!
Herzliche Grüße
Mararete
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Reinhold W. Rausch schrieb uns am 21.04.2026 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Manfred Orlick: Johann Wolfgang von Goethe in seiner Zeit Zum 275. Geburtstag des „Dichterfürsten“ hat Thomas Steinfeld eine umfangreiche Biografie vorgelegt
Respekt für Ihre sorgfältig-kenntnisreiche Nachbesprechung und Danke für die Hinweise auf alternative Sec.-Literatur.
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Michael Eschmann schrieb uns am 17.04.2026
Thema: Nora Eckert: In wenigen Zeilen ganze Geschichtsdramen Selten berührt ein lakonsicher Ton so tief wie bei Tom Schulz, der in dem Gedichtband „Salz und Erinnern“ das Leben im Vorbeigehen und als ein Verschwinden beschreibt und im Erinnern zugleich für die Unvergänglichkeit des Vergangenen votiert
Lyrikbände zu rezensieren ist eine hohe Kunst. Es ist schwer. Man muss in den Sound der Texte eintauchen können. Nur dann kann man darüber schreiben. Oft gelingt es nicht. Hier aber ist es Nora Eckert gelungen. Sie schafft Interesse, Lust und Neugier auf die Verse von Tom Schulz.
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