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Günther M. Doliwa schrieb uns am 18.10.2019
Thema: Redaktion literaturkritik.de: Literaturnobelpreise für Olga Tokarczuk und Peter Handke

Peter Handke – ZERLACH DEN KONFLIKT (Über die Dörfer, 1980)

Am Großen sich reiben, macht noch lange nicht groß.

Nicht nur, weil er verblüffend meinem Bruder ähnelt, will ich mich aufmachen, Peter Handke in Schutz zu nehmen vor ungerechter, ausfälliger Kritik, die routiniert wiederkehrt, und eine Respektdistanz einfordern will ich vor den Frage-Überfällen sensationsheischender Journalisten.
Wenn das nun funkelnd, farbig und brillante Sprache und charakterlicher Stil sein soll, sich über einen weit größeren Schriftsteller zu echauffieren, weil der einen weit höheren Preis zugesprochen bekommen hat, während man selbst einen Bestenlisten-Buchpreis empfängt, dann will ich
dies Wichtigtun mit einigen notwendigen Differenzierungen beantworten.
Wenn immer die Lauteren - nicht die vom Charakter her Reinen und Lauteren meine ich - die Aufmerksamkeitsfänger den Ton angeben und der Würde des Augenblicks nicht gewachsen sind, dann ist Ende der Diskussion über Wesentliches. Das belegen alle Talkshows, neuerdings auch Buchpreisverleihungen. Sich als der „wahrhaftigere“ Autor hinzupflanzen, der besser über das Schicksal der Völker Bescheid weiß, ist vielleicht dem Adrenalin-Einschuss einer Preisverleihung geschuldet. Am Großen sich reiben, macht noch lange nicht groß.
Handke misstraue seinem eigenen Erzählen zu wenig. Wer schreibt also genauer? Alles sei bei Handke Poesie, Ambivalenz. Sasa Stanisic echauffiert sich, nennt H. unbarmherzig einen „kitschigen Möchtegern“, weil Stanisic eine eitel-ästhetizistische Literatur ablehnt. Er reklamiert für sein Schreiben, was H. nicht beschreibe. Abschweifungsverliebtheit inbegriffen. „Ohne Abschweifung wären meine Geschichten überhaupt nicht meine. Die Abschweifung ist Modus meines Schreibens.“ Im vorliegenden Fall ist seine Ehrabschneidung eine Abschweifung zu viel des Schlechten. Vor dem Fest Fallen zu stellen bezeugt eine zweifelhafte Herkunft, um drei seiner Buchtitel in einen Satz zu fassen. Als wäre ein Buchpreisträger per Preis befugt, einen Großen zu beschädigen. Es ist ein höchst moralisierendes Denken, vom Künstler moralische Integrität zu erwarten, die man erst einmal selbst hinkriegen muss. Da würden ganz große Kunstwerke schnell mit in Verruf geraten. Nicht nur Wagner, Hamsun, Jünger, Polanski, M. Jackson u.a. hätten schwere Glaubwürdigkeitsverluste zu verzeichnen. Sie würden sich schwer tun, sich im Leben und Handeln deckungsgleich mit ihren Überzeugungen zu finden. Wer könnte dem Anspruch kompletter Integrität genügen? Das Menschliche müsste ganz und gar mit dem Göttlichen zusammenfallen. Das ist das Markenzeichen eines Jesus von Nazaret. Immerhin ein „Maßgebender“ der Weltgeschichte. Darf nicht auch ein Autor in Teilen "verblendet" sein? Und beschädigt dies sein Werk total?

Peter Handke wird für seine kunstvolle Parteinahme der Sprache geehrt.

Ein 39-jähriger Buchpreisträger, Sasa Stanisic, wütet gegen Handke. Eine Aufmerksamkeit hat ihm nicht gereicht. Seine hochmütige Empörung mag eine echte Wurzel gehabt haben, wenn er Handke blinde Parteinahme für Serbien gegen den Rest der Welt vorwirft. Der war gewiss nicht der einzige, der sich im Jugoslawienkrieg geirrt hat. Dieser in Europa für unmöglich gehaltene Krieg hat die Schönwettereuropäer zehn Jahre lang in Atem gehalten. Aber für eine Parteinahme für ein Volk wird Peter Handke in Stockholm auch nicht geehrt. Darum ist das ein boshaftes Missverständnis von Stanisic zu sagen, er sei "erschüttert, dass so etwas prämiert wird". Peter Handke wird im Gegenteil für seine kunstvolle Parteinahme für die Sprache geehrt.
Da wurde einer mit gutem und hohem Recht für ein Lebenswerk geehrt, das man erst einmal geschrieben haben muss. Ich habe deshalb und gerade deswegen große Lust, Handkes genialen Sprechstücke von 1966 zu feiern, seine blitzgenauen Betrachtungen und Versuche über Dinge, die wir gar nicht beachten, seine sprachgewaltigen Theater-Stücke, seine fundamentale Sachkenntnis der Literatur und ihrer Sprechweisen, seine Romane, Übersetzungen, das wunderbare Drehbuch zu „Himmel über Berlin“ von Wim Wenders, seine Schauspiele, seine Umweg-Augenzeugenberichte, ja, sein Lebenswerk, das Achtung, nicht Böhmermann-Spott und Diffamierung verdient. „Wer sonst hat die Sprache so ernst genommen als seine Lebensaufgabe?“ (Wim Wenders)
Blindheit und Herkunft sind Themen von Stanisic. Wut-Reden mit Appellcharakter sein Stil, den er Jugoslawiens nationalistischen Führern vorhält. Das eigene Volk als Opfer hinstellen, im tiefen Griff in die glorreiche, verblasste Vergangenheit zu Zeiten osmanischer Ausdehnung.  Ehrverletzungen.  Mobilisierung von Feindbildern. Geschichte im Imperativ.
Der Jugoslawien-Krieg wird so im Angriff auf Handke fortgesetzt. 26.000 Tweets habe der Buchpreisträger schon abgesetzt, witzig, wütend, abschweifend. Das Medium der Zeitgenossen flott nutzend. Darunter tauchen üble Schmähungen auf, die man sonst nur von Trump kennt. Das ist mehr als ein Autorenkonflikt. Da gehen Minen hoch. Da ersteht Jugoslawien nach dem Zerfall wieder als Pfand im Deutungskrieg.
Was ist in jene Kritiker gefahren, ein so harsches moralisches Urteil über die angeblich blinden Wahrnehmungen eines Autors von Weltrang in höchster Entrüstungspose abzugeben, als dürfe man ein Lebenswerk mit Schmutz bewerfen, weil einem seine politische Stellungnahme missfällt? Einen solchen Gefährten der Weltliteratur einen „kitschigen Möchtegern“ (Stanisic) zu nennen ist ein schlimmes Urteil – über den Beschimpfenden selbst. Was ist das? Reine Schmähung? Anpöbelei? Neidgimpelei? Herabsetzungslust? Besserwisserei? Das Gefälle der Lebensleistung zwänge eigentlich einen jüngeren Gerade-mal-Anfänger etwas bescheidener aufzutreten. Mit Tweet-Kaskaden lässt sich gut herum “trumpeln“. Aber wird man damit einem gerecht, der sich ein Schauen angeeignet hat, das sich jegliche Schaumschlägerei verbietet? Wer schreibt getreuer und genauer über die uns in aller Widersprüchlichkeit vorliegende so genannte „Realität“? Man müsste halt lesen… Und sich Zeit nehmen, die man sich nehmen lässt…

Wurzeln und Entwurzelung

Ist die Aufregung überhaupt zu verstehen, ohne auf die Wurzeln der Autoren zu schauen und deren Entwurzelung mit zu bedenken? Wird da nicht Heimat und Herkunft eingeklagt, die auseinander gebrochen und nicht wieder zusammen zu setzen ist? Handelt es sich um Elegien des Verlusts? Geht es bei dem Preisträger-Konflikt nicht um zwei nachhaltig Entwurzelte? Dem Verlust als Lebensthema treu zu sein, den keine Fiktion aufzuwiegen vermag? Wir sind mit in eine Kampfzone geraten.

Geboren wurde Sasa Stanišić 1978 in Višegrad im damaligen Jugoslawien, heute Bosnien/ Herzegowina. Mutter Serbin, Vater Kroate. Als 1992 der Bosnienkrieg ausbricht, flüchtet er mit der Mutter nach Deutschland, sein Vater und seine Großeltern kommen nach. Heidelberg als Asylresidenz. Froh überhaupt noch am Leben zu sein. Seine Familie indes lebt heute über den ganzen Erdball verstreut: „Wir sind mit Jugoslawien auseinandergebrochen und haben uns nicht mehr zusammensetzen können.“ Da leuchtet der Grundkonflikt aller Geflüchteten auf. Nicht nur die Heimat bleibt zurück, auch Familie lässt sich nicht mehr halten. Der Streueffekt wirkt fatal weiter. Der Geflüchtete muss eine ganz neue Sprache, Kultur und Tradition kennen lernen und sich seine Zusammenhänge zusammen basteln. Ein Glück, wenn er Freunde findet, und sei es an der Tankstelle.

Peter Handke, geboren am 6.12.1942 in Griffen, Kärnten. Mutter Slowenin, Vater Deutscher (Soldat in Kärnten), von dem er erst als Volljähriger erfährt; Stiefvater ein Deutscher, Adolf Bruno Handke, von dem er seinen Namen hat. Die Mutter Maria nimmt sich 1971 das Leben, im Strudel von Depressionen. Als Kind erlebt Peter, dass Slowenen in Konzentrationslager verschleppt werden, wie slowenische Partisanen wüten, wie man vor Bomben Unterschlupf sucht in Felsenhöhlen. Nach dem Krieg, Versuch in Berlin, Rückkehr ins Dorfleben. Internat, hervorragender Schüler, lernt fünf Sprachen, später Übersetzer. Klagenfurt, Graz. Vertraut mit Schmähreden gegen das literarische Establishment erzielt er 1966 den Durchbruch. (Stanisic macht es ihm 2019 etwas nach.) Heirat. Düsseldorf. Paris. 1969 Tochter Amina. 1973 Büchner-Preis. 1976 Angstanfälle, Herzrhythmus-störungen. Verzweiflung. Schreibkrise. 1979-1987 Salzburg, auf dem Mönchsberg, auf der Richterhöhe (!). Kafka-Preis. 1987-1990 Weltreise. 1996 Serbien-Kontroverse. Er verharmlose serbische Kriegsverbrechen, relativiere Massaker, verhöhne muslimische Opfer. Missdeutung und Diffamierung seiner Person nehmen hier ihren Anfang, kehren wieder wegen seiner Grabrede 2006 für Milosevic, was ihn zum Verzicht auf den Heine-Preis zwingt;  2008 verteidigt er Jugoslawiens Befreiungskampf gegen die Nazis, nennt die westlichen Staaten „Gaunerstaaten“. Alle sattsam bekannten Vorwürfe schießen trotz aller Klarstellungen von Seiten Handkes 2019 wieder auf.

Als ob das, was man gemacht hat, nun Licht bekommt. Auch wenn Zusatz-Licht trügerisch ist.

2019 erhält Handke den Nobelpreis für Literatur, weil er einfallsreich, einflussreich, Ränder erforschend, auslotend seine ganze Sprachkraft menschlichen Erfahrungen, Landschaften, der Leuchtkraft der Materie gewidmet hat, nicht ohne Bekanntschaft mit der Verzweiflung gemacht zu haben. Sein Werk hat wahrlich Licht verdient wie er als erste Antwort auf die Bekanntgabe sagt: „Es ist schon so, als ob das, was man gemacht hat, nun Licht bekommt. Auch wenn alles trügerisch ist: Es ist doch eine Art von Zusatz-Licht, das einem nur willkommen sein kann und für das man dankbar sein muss.“ Der ganze Handke. Auch wenn alles Blitz-Licht trügerisch ist.
So trügerisch wie die wechselhafte, wetterwendische mediale Aufmerksamkeit. Im Reiz-Reaktions-Medien-Getümmel fühlt sich ein sonst eh schon Deplatzierter doppelt deplatziert. „Ich stehe vor meinem Gartentor und da sind 50 Journalisten und alle fragen nur wie Sie“, beschwert sich Peter Handke. „Von keinem Menschen, der zu mir kommt, höre ich, dass er sagt, dass er irgendwas von mir gelesen hat. Es sind nur die Fragen: Wie reagiert die Welt? Reaktion auf Reaktion auf Reaktion.“ Und er setzt nach: „Ich bin ein Schriftsteller, ich komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes. Lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen.“
Dann tut manche Presse so, als dürfte sie über ihre Banalisierung von Literatur durch Aufbieten von Nebensächlichkeiten pikiert sein. Immerzu nur plumpe Meinungsabfragen wie jüngst wieder bei einer Veranstaltung in seinem Heimatort Griffin: Was sagen Sie zu dem, was der gesagt hat…? Nicht eine Frage dazu, was sich heute überhaupt stimmig aussagen lässt mit sprachlichen Mitteln. Wie heute von Welt reden, gar vom Krieg, und zu wem, wenn die Ohren von Schmalz triefen, schwerhörig von Floskeln, taub von Blödigkeit, gereizt von Gemeinheiten, wenn die Lippen triefen von Zynismus, der Feindbilder mobilisiert und Brandstiftung betreibt. Lasst Handke in Frieden! Der braucht keine Belästigung mit scheinheiligen Fragen zur Vergangenheit. Genug der Demütigung!

Debattenkultur wird immer kulturloser: Preise sind in, Preisung ist out.

Preisträger-Beschimpfung ist etwas völlig anderes als Publikumsbeschimpfung im Stil eines enfant terrible von 1966. Herabsetzung ist in Mode, Hass im Schwang, Würdigung ist Mangel. Handke würde einen Völkermord einfachhin leugnen? Humbug! Dass ich nicht lache! Das möchte ich konkret nachlesen und nicht unterstellt wissen. Boshafter geht’s nicht! Bei solchen Diffamierungen kann einem angst und bang werden. Da kommt ein – Verzeihung, dass ich mich aus Verärgerung anstecken lasse! - Dreikäsehoch im Literaturbetrieb und bricht dreist den Stab über einen literarischen Meister.
Manche Autoren wie Botho Strauß oder Peter Handke wissen schon, weshalb es äußerst ratsam ist, Medienvertreter auf Distanz zu halten und ihren offenkundigen Zwecken zu misstrauen. Diese Größen gieren wirklich nicht (mehr) nach Öffentlichkeit. Sensationsjäger spüren sie auf.  Geilheit hat längst nicht nur sexuelle Anzüglichkeiten im Sinn. Seriöse Medien dagegen respektieren eine Sphäre und pflegen einen Umgang, der nicht über das Mindestmaß an Informationsrecht hinausgeht.
Die Debattenkultur wird immer kulturloser. Hochkultur ist ein Hemmungssystem. Es überlebt nur durch Differenzierung und geht unter bei Nuancenvernichtung. Einbrüche aus dem Barbarischen, Enthemmung des Primitiven sollte man in Schach halten. In der populistisch aufgeblähten Konfusion mit ihren Überhitzungen, Zuspitzungen und Dramatisierungen ist es ratsam und heilsam, in Zwischenräumen zu lesen. Der kluge Spinoza rät: „Nicht lachen,  nicht Trübsal blasen, nicht verachten, sondern Einsicht üben.“ Sonst geht jegliche Basis der Auseinandersetzung flöten.
Dem Gedemütigten möchte ich sein Wort aus Über die Dörfer ans Herz legen: „Zerlach den Konflikt!“
Ich gratuliere Peter Handke und Österreich sehr herzlich zum Nobelpreis für Literatur.

Günther M. Doliwa, 18.10.2019/www.doliwa-online.de

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Redaktion literaturkritik.de schrieb uns am 10.10.2019 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Sascha Seiler: Ein wagemutig erzähltes Stück norwegischer Langeweile
Mit „T. Singer“ wird der bekannteste Roman des norwegischen Schriftstellers Dag Solstad endlich ins Deutsche übertragen

Lieber Herr Heigenmooser,
vielen Dank für Ihren Hinweis. Dass die Übersetzerin in den bibliographischen Angaben gefehlt hat, war natürlich keine Absicht. Wir haben das eben korrigiert.
Viele Grüße
die Redaktion

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Volker Heigenmooser schrieb uns am 08.10.2019
Thema: Sascha Seiler: Ein wagemutig erzähltes Stück norwegischer Langeweile
Mit „T. Singer“ wird der bekannteste Roman des norwegischen Schriftstellers Dag Solstad endlich ins Deutsche übertragen

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ehrlich gesagt bin ich schon etwas erschüttert über die Ignoranz gegenüber der Übersetzerin Ina Kronenberger, die den hochgelobten Roman des Norwegers Dag Solstad ins Deutsche übersetzt hat. Da wird der Dörlemannverlag zu Recht gewürdigt, dass er die Werke Solstads auf Deutsch verlegt, aber für die Übersetzerin ist kein Wort übrig. Doch ihr ist das offensichtlich sprachlich doch gut gelungene Werk eigentlich zu verdanken. Dass der Rezensent (offensichtlich ein Komparistiker, dem sicher viele Sprachen geläufig sind) hier ignorant ist, ist das eine, dass die Redaktion in den bibliografischen Angaben ebenfalls die Übersetzerin unterschlägt, ist das andere. Einem so ambitionierten Projekt
wie Literaturkritik.de stünde eine etwas aufmerksamere Haltung gut zu Gesicht.
Volker Heigenmooser

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Redaktion literaturkritik.de schrieb uns am 08.10.2019 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Klaus-Peter Möller: Aktualität? Geschichtlichkeit? Neu gelesen?
Oliver Sill über Theodor Fontanes „Romanwelt“

Die beim Redigieren des Beitrags von Klaus-Peter Möller übersehenen Fehler bei den beiden Namen, die der Leserbrief von Oliver Sill moniert, hat die Redaktion inzwischen korrigiert. Wir sind für solche Hinweise immer dankbar.

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Oliver Sill schrieb uns am 08.10.2019
Thema: Klaus-Peter Möller: Aktualität? Geschichtlichkeit? Neu gelesen?
Oliver Sill über Theodor Fontanes „Romanwelt“

In eigener Sache

"[...] wo dem einen Disteln blühn, blühn dem andern Rosen.”
Theodor Fontane

Wenn das Fontane-Jahr 2019 mit seiner Fülle von Veranstaltungen eines unter Beweis stellt, dann dies: Die Popularität Theodor Fontanes ist ungebrochen. Einerseits können ‘Kreuzfahrten mit Fontane’ auf der Havel gebucht und ‘Birnenfeste auf Schloss Ribbeck’ mit der ganzen Familie besucht werden, andererseits finden Fontane-Akademien in Neuruppin und internationale Kongresse an der Universität Potsdam statt. Das Spektrum von Veranstaltungen aus Anlass seines 200. Geburtstags ist in der Tat weit. Und dabei verdankt sich dieses Nebeneinander höchst unterschiedlicher Veranstaltungen
einer Popularität, die eben nicht nur Leser, sondern auch Urlauber anzieht; einer Popularität, die nicht nur Philologen auf den Plan ruft, sondern auch Marketingstrategen und Eventmanager.
Durchstreift man unter dem Stichwort ‘Fontane’ darüber hinaus das weite Spektrum der Neuerscheinungen zum Fontane-Jahr, dann zeigt sich eine ähnliche Tendenz zur Polarisierung. Auf der einen Seite lässt sich mit Fontane reisen, kochen, plaudern & genießen, auf der anderen Seite wächst unaufhörlich die Zahl wissenschaftlicher Aufsätze, Dissertationen, Monographien und Tagungsbände. Unübersehbar ist die große Kluft zwischen der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit ihren Publikationsforen einerseits und den populären Sachbüchern andererseits, denen Fontane allein als Stichwortgeber und Zitatschatz genügt. Während die Beiträge zur Fontane-Forschung allerdings nur von einer überschaubaren Anzahl interessierter Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen rezipiert werden, erreichen die populären Sachbücher eine oft erstaunlich große Zahl passionierter Fontane-Anhängerinnen und -Anhänger. Wechselseitig aber nimmt man sich nicht oder kaum zur Kenntnis, zu groß ist die Kluft zwischen den wenigen Spezialisten und den vielen Laien. Eine Brückenfunktion gewinnen in diesem Zusammenhang allenfalls Fontane-Biographien, deren Zahl sich zum Fontane-Jahr um weitere vier erhöht hat. Die gewichtigen Werke von Hans-Dieter Rutsch, Regina Dieterle, Iwan-Michelangelo D’Aprile und Hans Dieter Zimmermann dürften sowohl von der Fontane-Forschung als auch von interessierten Fontane-Leserinnen und -Lesern zur Kenntnis genommen werden. Allerdings gilt dieses Interesse dem Leben Fontanes und der Geschichte des 19. Jahrhunderts. Zum literarischen Werk Fontanes selbst in seiner ästhetischen Komplexität bieten diese Biographien nur wenige Hinweise.
Vor diesem Hintergrund lässt sich festhalten: So vielfältig das Spektrum der Neuerscheinungen rund um Fontane auch erscheinen mag, es existieren nur wenige Arbeiten, die sich gezielt richten an die große Zahl engagierter Fontane-Leserinnen und -Leser, denen es nicht genügt, mit Fontane zu reisen oder zu kochen, die aber auch kein Interesse haben an wissenschaftlichen Diskursen und Kontroversen. Ich spreche von der großen Zahl Lesender, die oftmals in privaten oder öffentlichen Lesekreisen organisiert sind, die sich wiederfinden in Volkshochschulkursen und Vorlesungen im Rahmen des Studiums im Alter, die durchaus interessiert sind an einer vertieften Textkenntnis, die sich offen zeigen für literaturwissenschaftlich gelenkte Verfahren etwa zur Erzähltextanalyse, die allerdings nicht gewillt sind oder sich überfordert sehen durch methodisch und methodologisch fundierte Forschungskontroversen mit ihrem oftmals abschreckend wirkenden terminologischen Aufwand. Es sind die literarischen Texte selbst, die für diese Leserinnen und Leser von Interesse sind, und nicht methodische Vorentscheidungen bzw. methodologische Grundsatzentscheidungen im Horizont von Funktionalismus, Strukturalismus und Hermeneutik, von Dekonstruktion und Konstruktivismus, von Diskursanalyse, Systemtheorie und Gender Studies mit ihren oft gegeneinander abgegrenzten Fachbegriffen.
Versuche, das legitime Interesse dieser Leserinnen und Leser zu bedienen, sind mit Blick auf Fontane beinahe an einer Hand abzuzählen. Von akademisch-wissenschaftlicher Seite aus versucht Katharina Grätz, Professorin in Freiburg, dieses Vakuum zu füllen: mit ihrer als Reclam Taschenbuch erschienenen Einführung Alles kommt auf die Beleuchtung an: Theodor Fontane - Leben und Werk (2015). Mit Erleichterung nimmt ein Rezensent bei Amazon zur Kenntnis, dass Grätz in ihrer “Übersichtsdarstellung” darauf verzichtet, “terminologische Schwerathletik” zu betreiben oder den Leser mit “fachlichen Kontroversen zu behelligen”. Auf der anderen Seite wäre etwa Burkhard Spinnen zu nennen, der sich Fontanes Prosawerk aus literarisch-essayistischer Seite anzunähern versucht. Spinnen verzichtet vollständig darauf, aus den Werken Fontanes wörtlich zu zitieren. Er erzählt statt dessen nach und präsentiert unter dem Titel Und alles ohne Liebe. Theodor Fontanes zeitlose Heldinnen (2019) seine Lesart der Romane Theodor Fontanes - stets in dem Bemühen, dem Werk des großen Klassikers eine Aktualität abzugewinnen, die es - seiner Ansicht nach - auch dringend benötigt, wenn es überhaupt noch gelingen soll, das Interesse heutiger Schüler für Theodor Fontane zu wecken.
Mit meinem Buch Theodor Fontane - neu gelesen. Aktualität und Geschichtlichkeit eines Klassikers (2019) habe ich versucht, einen mittleren Weg zwischen wissenschaftlicher Abhandlung und Essayistik einzuschlagen. Im Bemühen um größere Textnähe, als dies bei Burkhard Spinnen der Fall ist, zitiere ich aus den Romanen, Erzählungen und Novellen Theodor Fontanes, knüpfe daran meine Beobachtungen zu verschiedenen Themenkomplexen, zur Leitmotivik und zur Erzählstruktur, um auf diese Weise den Fontane-Lesern den einen oder anderen Schlüssel zu liefern für ein besseres Verständnis dessen, was man die Romanwelt Theodor Fontanes nennen könnte. Üblicherweise werden die Fontane-Texte je einzeln abgehandelt. Mir hingegen ging es darum, den Blick primär zu richten auf die textübergreifenden Korrespondenzen zwischen den Werken, um sie letztlich als ein großes Textganzes zu begreifen. Was im wissenschaftlichen Diskurs seit langem unter dem Stichwort ‘Intertextualität’ bekannt ist, erfordert eine genaue Parallellektüre, die allerdings für die meisten Leserinnen und Leser Theodor Fontanes ein doch eher ungewöhnliches, auch anspruchsvolles Verfahren bedeutet. Denn es kommt darauf an, im Ähnlichen die Unterschiede zu erkennen. Dass es mir mit diesem Buch nicht darum ging, die Fontane-Forschung mit neuen Erkenntnissen zu bereichern, zeigt bereits mein Verzicht auf sämtliche wissenschaftlichen Gepflogenheiten und Verfahrensweisen. Wohl wissend, dass die Fontane-Forschung in ihrer langen Geschichte mit ihren wechselnden methodologischen Paradigmen eine kaum mehr überschaubare Fülle wertvoller Beiträge bereithält, sollte - für diesmal - nicht sie im Vordergrund stehen, sondern die Fontane-Texte selbst. Lediglich die von Helmuth Nürnberger verantworteten Anhänge in den dtv-Taschenbuchausgaben wurden von mir als Orientierungshilfe herangezogen - nicht zuletzt deshalb, weil sie mit ihren verständlich geschriebenen Hinweisen zur Entstehung, ihrer Auswahl an Briefzeugnissen, ihren Anmerkungen und ihrem jeweiligen Nachwort auch den Laien unter den Fontane-Lesern eine erste Tuchfühlung mit dem erlauben, was ‘Philologie’ bedeutet.
In einem Brief vom 3. April 1879 berichtet Theodor Fontane dem Herausgeber von Westermanns Monatesheften, Gustav Karpeles, von seinen Plänen für einen neuen “Zeitroman”, der den Titel Allerlei Glück erhalten sollte. Den Grundgedanken dieses letztlich Fragment gebliebenen Projekts fasst Fontane folgendermaßen in Worte: “es gibt vielerlei Glück, und wo dem einen Disteln blühn, blühn dem andern Rosen.” Mit ‘Rosen und Disteln’ lassen sich auch die ersten Reaktionen auf mein Fontane-Buch charakterisieren.
In seinem bei Amazon eingestellten Kommentar hebt Wolfgang Wabersky vom Bocholter Fontane-Kreis hervor, die ungewöhnliche Vorgehensweise führe “zu mehr als interessanten Erkenntnissen” - gerade für Leser, die sich nicht professionell mit Fontane beschäftigten, sondern “immer nur sporadisch und über lange Zeiträume verteilt mit Fontanes Werk befassen” könnten. Allerdings gibt Wabersky auch zu bedenken, dass “die sehr detailliert ausgeleuchteten Textbeispiele” doch eher jene Leserinnen und Leser anspreche, “die sich bereits etwas in Fontanes Romanwelt eingelesen haben”.
Klaus-Peter Möller, Archivar im Potsdamer Fontane-Archiv, vermag dagegen in seiner Besprechung meines Buches im Rezensionsforum literaturkritik.de keinerlei Rosen zu erblicken. Er sieht nichts anderes als Disteln. Die durch den Titel ausgelöste Erwartungshaltung werde “enttäuscht”; über “die Aktualität von Fontanes Werk” erfahre man “nichts”. “Insgesamt”, so das Fazit, sei das Buch “unbrauchbar”. - Mich erstaunt die Vehemenz, mit der sich Möller dazu aufgerufen fühlt, meine Annäherung an Fontanes Prosawerk zu diskreditieren. Da werden Aussagen von mir, angelehnt auch an Wolfgang Hädeckes Fontane-Biographie (1998), als “barer Unsinn” abgetan. An anderer Stelle werden Sätze aus ihrer argumentativen Verankerung herausgelöst und in der Absicht zitiert, sie als naiv-rührseligen Quatsch bloßzustellen. Und selbst vor eher geschmacklosen Spekulationen schreckt Klaus-Peter Möller in seinem Eifer nicht zurück: “Sills Buch ist eine Hommage an Helmuth Nürnberger, der 2017 verstorben ist und der sich diese Vereinnahmung vielleicht verbeten hätte.”
In einem Punkt pflichte ich dem Rezensenten allerdings ausdrücklich bei. “Eine wissenschaftliche Studie”, so Möller, sei “diese Abhandlung [...] nicht.” Wissenschaftlichkeit aber scheint das einzige Kriterium zu sein, das Möller bei der Beschäftigung mit Fontane gelten lassen kann. Auf einem Blatt mit der Überschrift Die Brüder Brose finden sich bereits ausgeführte Dialogsequenzen, die Fontane in den geplanten Roman Allerlei Glück zu integrieren gedachte. Dort heißt es: “Ich bitte dich, Eduard! Ziehe nicht die großen Register, besteige nicht dein Turnierpferd höherer Wissenschaftlichkeit und Erkenntnis.” Von solch hohem Ross aus zieht nun auch Möller zu Felde - und vermisst so ziemlich alles. Das literarische Prosawerk Fontanes als Bezugsrahmen meiner Ausführungen genügt ihm jedenfalls nicht. Er vermisst den Einbezug der “kleineren Prosa-Arbeiten” Fontanes ebenso wie “die Fragment gebliebenen Entwürfe”; er vermisst “Reflexe auf zeitgenössische Diskurse oder wissenschaftliche Diskurs-Analysen”. Und schließlich vermisst er auch den Einbezug zweifellos relevanter “Bezugsgrößen” wie Henrik Ibsen, August Strindberg, Frank Wedekind, Gustave Flaubert oder Émile Zola. Um noch einmal Fontanes Blatt Die Brüder Brose zu zitieren: Es ist “der reine Gelehrten-Hochmut”, der nicht einmal ansatzweise begreifen kann, dass es neben der Forschung zahlreiche Fontane-Leserinnen und -Leser gibt, die sich von einer solchen Lektüre keine neuen Forschungsergebnisse erhoffen, sondern lediglich Impulse für die eigene Beschäftigung mit dem Werk Theodor Fontanes.
Und noch eine letzte Anmerkung: Gerade ein Archivar sollte wenigstens in der Lage sein, Namen richtig wiederzugeben. Bei Möller aber heißt Zola mit Vornamen Èmile und nicht Émile. Ich wiederum heiße mal Sill, dann Still und schließlich wieder Sill. Die korrekte Wiedergabe von Namen ist für mich nicht nur Ausdruck gebotener Sorgfalt, sondern auch eine Frage des Respekts und der Höflichkeit. Aber auf solche ‘Kleinigkeiten’ kommt es offenbar nicht an, wenn es gilt, sich als ‘Verteidiger der Wissenschaft’ zu profilieren.

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Albrecht Classen schrieb uns am 25.08.2019 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Albrecht Classen: Aus dem Rahmen gefallen
Ein von Christoph Kleinschmidt und Uwe Japp herausgegebener Band beschäftigt sich mit Rahmenzyklen in der europäischen Literatur

Bei erneuter Überprüfung meiner Rezension konnte ich 1. verifizieren, dass ich mich tatsächlich bei der Identifizerung der Beiträgerin geirrt habe, die den Aufsatz über Heine verfasst hatte: es war wirklich Christine Melke, aber ich setzte mich, wie explizit betont, nicht mit den Aufsätzen auseinander, die sich auf die moderne Literatur bezogen. Und 2. handelte es sich in meinem eingereichten Text nicht um ein Zitat, sondern um eine Zusammenfassung, die sich auf S. 290 bezog. Es muss ein technischer Fehler aufgetreten sein, der auch in der Endredaktion nicht mehr korrigiert wurde. Ansonsten aber bleibe ich bei meiner Beurteilung des Sammelbandes.

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Christian Milz schrieb uns am 05.08.2019
Thema: Karin S. Wozonig: Relativ gelungen
Stefan Descher legt eine Untersuchung zu Interpretationstheorien vor

Wenigstens aus nichtakademischer Perspektive muss diese Rezension schon nachdenklich machen. Wozonik setzt eine Prämisse (jede Interpretationshypothese sei per definitionem relativistisch, nämlich vom individuellen Textverstehen abhängig), die weder empirisch haltbar noch korrekt ist, denn sie verwechselt subjektiv mit relativ. Ein Seitenblick auf andere Sprachformen, Mathematik, Musik, Malerei, Architektur usw. und überwältigende empirische Belege für intersubjektive übereinstimmende Urteile, (Hits, Bestseller, Klassiker, Denkmäler usw ...) belegt das auf den ersten Blick. Und was soll das, eine aus der gesamten Figurenrede Hamlets herausgepickte Passage mit der Figur überhaupt und dann noch mit Shakespeare zu identifizieren, dessen Rezeption der These des Relativismus geradezu ins Gesicht springt, genauso wie der Dialog der Schriftsteller und Künstler untereinander, denen bei aller von ihnen selbst in Anspruch genommenen Subjektivität nichts ferner liegt, als die geistige Substanz von ihnen studierter und besprochener Werke in nebulösem Relativismus aufzulösen. Anders auch als beispielsweise die Philosophen habe sie es nicht nötig, ihr eigenes Werk auf den Trümmern ihrer Vorgänger aufzubauen. Gleichwohl dürfte die Rezensentin mit dem Begriff "hermeneutischer Abwehrzauber" den Nagel auf den Kopf getroffen haben: nur scheint selbiger vielmehr unerwünscht eindeutig-mehrdeutigen Sinnzusammenhängen zu gelten bzw. den hierzulande unerwünschten Versuchen die Literaturtheorie unter der Prämisse von Transzendenzoffenheit weiterzuentwickeln. Denn da liegt wohl der Hase im Pfeffer.

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Frieder Sommer schrieb uns am 24.07.2019
Thema: Dietmar Jacobsen: Ein Fest der Fantasie
Mit „Heimkehr“ legt Thomas Hürlimann seinen ersten Roman seit mehr als einem Jahrzehnt vor

"...hoch oben ein Punkt, ein Blinken, ein Zwinkern, ein Stern, ein Satellit oder ein Flugzeug...". So lautet der erste Satz dieses großartigen Romans. Und so der letzte Satz: "...und tief unten ein Punkt, ein Blinken, ein Zwinkern, ein Stern, ein Satellit oder ein Flugzeug...".
Den kleinen, aber feinen Unterschied hat keiner der zahlreichen Rezensenten erwähnt, auch Dietmar Jacobsen nicht.
Für mich ist es ein wichtiger Fingerzeig auf ein mögliches Verständnis dieser abenteuerlichen Geschichte Thomas Hürlimanns, und, last but not least, ein Appell für genaues Lesen - bis ans Ende eines Textes. Nichts für ungut!

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Doreen Mildner schrieb uns am 16.06.2019
Thema: Christina Bickel: Trümmerbilder des Sozialismus
Ines Geipel zeichnet in „Umkämpfte Zone“ markant eine bedrückende Welt von Verdrängung, Schmerz und Hass

Liebe Christina Bickel,

ich kenne Ines Geipels Sachbuch "Umkämpfte Zone" sehr gut und erlaube mir deshalb einige Anmerkungen.

Zunächst zum Genre: Gut, dass Sie das Buch nicht mehr (wie in Ihrer ursprünglichen Fassung) als "Roman" bezeichnen. Doch Ihr Versuch, das Buch einzuordnen, ist zu vage. Ein Blick auf die Website des Verlages oder auf den Klappentext des Buches hätte Ihnen verdeutlicht, dass die Autorin ihr Buch als Sachbuch versteht und vom Leser verstanden wissen will.

Entsprechend kritischer hätten Sie meines Erachtens auch die Darstellung von Zeitgeschichte in "Umkämpfte Zone" betrachten müssen. Ja, "Bilder bedürfen einer Beurteilung bezüglich ihres
Wahrheitsgehaltes", aber auch die Zerstörung der Bilder, in dem Fall der Buchenwald-Mythos, bedarf einer Überprüfung, eines Faktenchecks. Die deutschen Kommunisten, die Buchenwald überlebt haben, "Mörder" zu nennen und für diese steile These nur eine einzige, veraltete Quelle (den von Lutz Niethammer herausgegebenen Band "Der gesäuberte Antifaschismus") anzugeben, wie Ines Geipel es in ihrem Buch tut, ist nicht nur schockierend, es ist auch geschichtsverfälschend.

In Ihrer Rezension fehlt mir außerdem der direkte Bezug zur Autorin: Wer ist sie, welcher Generation gehört sie an, welche Erfahrungen hat sie in der DDR gemacht? Auch wenn es einen Online-Lexikon-Eintrag zu Ines Geipel gibt (der leider nicht mehr aktuell ist): Die Antworten auf diese Fragen sind meines Erachtens essenziell zum Verständnis des Buches und der Motivation der Autorin.

Mit besten Grüßen
Doreen Mildner

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Yahya Elsaghe schrieb uns am 13.06.2019 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Entschuldigung, aber geht es hier wirklich einfach nur um etwas, das KMS bloß zitiert hat, oder nicht doch vielmehr darum, dass er das Zitierte mir nichts, dir nichts als seine eigenen, und das heißt per definitionem: erstmaligen „Funde“ ausgibt? Soll oder kann seine wieder einmal sehr agitierte Cholerik über diesen kleinen Unterschied so ganz hinwegtäuschen? Und unterliegt sie nicht einem mittlerweile schon ad nauseam bekannten Reaktionsmuster? Wenn ihm die Argumente ausgehen, behilft sich KMS faute de mieux halt immer mal wieder gerne mit persönlichen Diffamierungen. Dermaßen großzügig ad hominem auszuteilen fühlt sich da nota bene einer berufen, der Vergewaltigung als „Nutznießung“ weiblichen „Begehrens“ hinstellt und solche, die ihm das vorhalten, kurzerhand der Lüge und üblen Nachrede bezichtigt.

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Albrecht Classen schrieb uns am 10.06.2019 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Albrecht Classen: Aus dem Rahmen gefallen
Ein von Christoph Kleinschmidt und Uwe Japp herausgegebener Band beschäftigt sich mit Rahmenzyklen in der europäischen Literatur

Die Autoren des Buches werfen dem Rezensenten Dinge vor, die schlicht nicht stimmen. Hier noch einmal ganz kurz das Ergebnis meiner Beurteilung: Es handelt sich um einen Sammelband, der aus einer Vorlesungsreihe für Studenten erwachsen ist, die recht oberflächlich das Thema anspricht, viele wichtige Werke außer Acht lässt und nur ungenügend die relevante Forschung berücksichtigt. Wie ich schon einmal betonte, nicht jede Ringvorlesung verdient es, sofort in den Druck gebracht zu werden, und dies ist hier keineswegs anders. Dies ist alles schon ausführlich in der Rez. behandelt worden, in der ich sehr bemüht war, zumindest die positiven Aspekte hervorzukehren, auch wenn es nicht viele davon gibt. Die Herausgeber versuchen nun, zum Gegenangriff überzugehen (Beckmesser lässt grüßen!), indem sie vermeintliche Fehler aufzuspießen bemüht sind. Da ich z. Zt. länger keinen Zugang zu dem Buch habe, kann ich erst im August 2019 fundierter darauf eingehen und dann zugleich noch genauer belegen, worin die vielen Schwächen dieses Bandes bestehen, der freilich all diese Aufmerksamkeit nicht verdient.

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Christoph Kleinschmidt / Uwe Japp schrieb uns am 06.06.2019
Thema: Albrecht Classen: Aus dem Rahmen gefallen
Ein von Christoph Kleinschmidt und Uwe Japp herausgegebener Band beschäftigt sich mit Rahmenzyklen in der europäischen Literatur

Die Rezension von Albrecht Classen enthält zwei Falschbehauptungen. Erstens stammt der Beitrag zu Heinrich Heine nicht von Stephanie Heck und Simon Lang, sondern von Christine Mielke. Stephanie Heck und Simon Lang haben einen Artikel zu Hans Scholz’ „Am grünen Strand der Spree“ verfasst, der in der Rezension unerwähnt bleibt. Zweitens gibt Albrecht Classen im letzten Absatz der Rezension ein Zitat wieder, das weder im Nachwort noch an anderer Stelle des Sammelbandes vorkommt. Die argumentative Ausrichtung des Falschzitats widerspricht sogar einer der Grundthesen des Nachworts. Da Albrecht Classen nicht bereit ist, diese Fehler in seiner Rezension zu korrigieren, sehen wir uns zu dieser Stellungnahme veranlasst. Bei allem Recht auf subjektive Ausrichtung von Rezensionen darf die kritische Auseinandersetzung nicht auf Kosten der wissenschaftlichen Redlichkeit geschehen.

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Klaus Müller-Salget schrieb uns am 29.05.2019 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Mit seiner Weigerung, die von mir geforderte Entschuldigung auszusprechen (die Daten habe ich geliefert), zeigt sich nun die ganze Miserabilität des Herrn Elsaghe. Wenn er so tut, als hätte ich in meinem ZfdPh-Aufsatz nur Dinge genannt, die auch er schon genannt habe, so ist das wieder einmal eine Unwahrheit. Mit dem  unterschwelligen Vorwurf des Plagiarismus begibt der Gute sich dann in die allerunterste Schublade.  Dass man, wenn man etwas zitiert, was auch er schon zitiert hat, eine Verbeugung vor ihm machen muss, war mir unbekannt; ich werde es mir allerdings auch nicht zu Herzen nehmen, da ich weitere Hervorbringungen dieses Herrn nicht mehr zur Kenntnis nehmen werde.

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Yahya Elsaghe schrieb uns am 29.05.2019 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Entschuldigung, aber hat KMS bei seiner Darlegung der Abläufe vielleicht nicht doch etwas ausgelassen? Er will erst im Januar 2014 von der Existenz unserer Wenigkeit Kenntnis genommen haben. Gut. Dies sei bei seiner Lektüre des Max Frisch-Bands in der Reihe Text + Kritik geschehen; das jedoch müsste seinen eigenen Angaben zufolge heißen: ein Dreivierteljahr bevor er das Typoskript des Homo faber überhaupt erstmals zu Gesicht bekam. Was KMS jetzt wieder einmal unterschlägt, im halbschlauen Vertrauen darauf, dass es ‘denn doch’ keiner merkt, ist der Zusammenhang, in dem er hier mit unseren Arbeiten bekannt wurde. Es geht in unserem Beitrag zu Text + Kritik nämlich um eine erste Auswertung ebenjenes Typoskripts. Genau gesagt geht es um die Rolle, die Walter Fabers Schweizer Konkurrent darin einmal spielte und die KMS 2017 als einen der von ihm höchstselbst gehobenen „Funde“ umherzubieten sich nicht zu schade war. Als solche „Funde“ paradierte er damals wie gezeigt auch noch anderes, was er, wieder selbst nach der Chronologie seiner eigenen Angaben, bereits aus unseren Arbeiten gekannt haben musste. So viel oder so wenig zu seinem Monopolanspruch auf philologische Tugendhaftigkeit und zu der Autorität, als die er sich neuerdings auch noch in Sachen Plagiarismus zu gerieren geruht.

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