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Klaus Müller-Salget schrieb uns am 03.08.2022
Thema: Manfred Orlick: Anna Seghers im mexikanischen Exil
Volker Weidermanns eindrucksvolles biografisches Porträt

Den Roman "Das siebte Kreuz" hat Anna Seghers nicht in Paris begonnen und in Mexiko beendet, sondern sie hat ihn 1939 in Paris abgeschlossen und das Manuskript an F. C. Weiskopf in New York geschickt.- 1939 war noch der Anfang des Romans in der "Internationalen Literatur" (Moskau) abgedruckt worden, was nach Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts eingestellt wurde.
Klaus Müller-Salget

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Günter Rinke schrieb uns am 22.07.2022
Thema: Nora Eckert: Als die Sprache ihre Unschuld verlor
Jürgen Becker synchronisiert in „Die Rückkehr der Gewohnheiten“ das Sichtbare mit den Erinnerungen und findet im Gestern das Repertoire des Heute

Was für eine schöne Rezension zum mehrmals Lesen! Das ist das Gute an diesem Forum literaturkritik.de: dass auch Abschweifungen oder persönliche Nachbemerkungen erlaubt sind, die wiederum den eigentlichen Gegenstand erhellen. Danke, Frau Eckert!

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Frieder Sommer schrieb uns am 11.05.2022
Thema: Andreas Weber-Meewes: Krieg oder ?

Sehr geehrter Herr Weber-Meewes:

eine Anmerkung zu Ihrem Text liegt mir auf der Seele. Ich darf Sie zitieren:
"Putin soll selbst Kinder haben, Töchter aus einer geschiedenen Ehe, und auch Kinder aus einer anderen Beziehung zu einer viel jüngeren Frau. Aber als liebender Mann und Vater trat er zumindest öffentlich nie in Erscheinung, was womöglich Bände spricht." Auch wenn diese wichtige Information nur "womöglich Bände spricht", wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie wenigstens eine Andeutung machen könnten, welche Erkenntnisse sich aus diesen Bänden herauslesen ließen.

Ich danke Ihnen, auch im Namen aller Ukrainerinnen und Ukrainer, die Ihre
wichtigen Informationen sicher werden zu schätzen wissen

Frieder Sommer

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Michi Strausfeld schrieb uns am 30.04.2022 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Michi Strausfeld: Ein faszinierender Blick auf die Welt eines indigenen Volkes
Weder Western noch Karl May: Álvaro Enrigue schreibt mit „Jetzt ergebe ich mich, und das ist alles“ einen Roman über die Apachen

Fuentes bezog sich auf frühere Werke des Autors, das hat der Verlag leider nicht präzisiert.

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Frieder Sommer schrieb uns am 26.04.2022
Thema: Michi Strausfeld: Ein faszinierender Blick auf die Welt eines indigenen Volkes
Weder Western noch Karl May: Álvaro Enrigue schreibt mit „Jetzt ergebe ich mich, und das ist alles“ einen Roman über die Apachen

Keine Rezension dieses großartigen Romans. Nur eine Anmerkung: Auf der Rückseite des Buchumschlages stehen wie üblich kurze "Werbesprüche", u.a. von Carlos Fuentes: "Bewegend, brutal, voller Schönheit und Lakonie. Ein überwältigendes Epos von einem der scharfsinnigsten Autoren unserer Zeit."
Dieser Bewertung des Romans stimme ich zu, rätselhaft ist allerdings, wie der 2012 verstorbene Fuentes in der Lage war, den Text seines Landsmannes aus dem Jahr 2018 (Copyright) zu rezensieren.

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Klaus Müller-Salget schrieb uns am 20.04.2022
Thema: Veronika Schuchter: Krieg der Worte
Tobias Boes beleuchtet in „Thomas Manns Krieg“ den Kampf des Schriftstellers gegen Hitler aus amerikanischer Perspektive

Inzwischen ist mir noch ein arger Fehler im Buch von Boes aufgefallen: Auf S. 60 f. behauptet er, Thomas Manns Bruch mit dem NS-Regime sei durch seinen Zorn über die Aberkennung der Bonner Ehrendoktor-Würde veranlasst worden. Ganz falsch.
Die korrekte Chronologie: Im Streit zwischen Leopold Schwarzschild und Eduard Korrodi bezüglich der Exilliteratur sah Thomas Mann sich genötigt (auch durch dringende Mahnungen der Kinder Erika und Klaus), Stellung zu beziehen. Er tat das in Form eines Offenen Briefs an Korrodi, den die NZZ am 3. Februar 1936 veröffentlichte: sein klares Bekenntnis zur Emigration, seine klare Absage an die Nazis. Dann: 2. Dezember 1936: Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft, 19. Dezember 1936: Aberkennung der
Ehrendoktor-Würde.
Wie Boes dazu kommt, diese allbekannten Abläufe zu ignorieren, ist mir unbegreiflich.

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Günter Helmes schrieb uns am 20.04.2022
Thema: Linda Maeding: Von Geschmacksurteilen heute
Eine Gegenwartsästhetik von Moritz Baßler und Heinz Drügh

„Gegenwartsästhetik“, so liest man, sei (...) "auch eine fundierte Kritik der Frankfurter Schule sowie anderer kulturkritischer Ansätze, die populäre ästhetische Praktiken nur über ihren Konsumcharakter (...) wahrnehmen, dabei aber, so die Autoren, deren 'gemeinschaftsstiftende Seite' übersehen." Ist nicht genau das Gegenteil der Fall? Haben die 'Frankfurter' und andere nicht gerade diese 'gemeinschaftsstiftende Seite' nur allzu genau gesehen - und deshalb 'populäre ästhetische Praktiken' mit Skepsis betrachtet oder abgelehnt, und das aus allerbesten Gründen? Reicht es in diesem Zusammenhang, wenn man bspw. an die Heimatkunstbewegung um 1900 und deren Filiationen bis heute erinnert, die u.a. einen Höhepunkt in der Lichtdom-Ästhetik der Nazis hatte? Nichts, aber auch gar nichts gegen populäre Kulturen per se. Aber gilt es nicht immer noch mit Brecht zwischen einer apologetisch-anbiedernden 'Volkstümlichkeit' zu unterscheiden, die Unmündigkeit erzeugt und perpetuiert, und einer solchen, die sich dem unabgeschlossenen Projekt Aufklärung verpflichtet fühlt? So mir nichts dir nichts Gemeinschaftsstiftung zu etwas Positivem an sich zu stilisieren, scheint jedenfalls fahrlässig und geschichtsvergessen zu sein, was gleichzeitig bedeutet, dass es gemeingefährlich ist.

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Karl-Josef Müller schrieb uns am 13.04.2022 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Redaktion literaturkritik.de: Songs für den Frieden und das Ende der Kriege

Ja, das mag 'uns' guttun, diese Lieder zu singen oder zu hören. Und natürlich kann jeder singen, was er will, vielleicht noch von Nicole 'Ein bisschen Frieden'. Ja, Hilflosigkeit und gefühlte Ohnmacht, das trifft unsere Situation. Aber, und das bereitet mir Unbehagen, um uns und unsere Befindlichkeit geht es nicht. Es geht um Tod und Zerstörung, die von Seiten der Angreifer durch nichts zu rechtfertigen sind. Gedanken an Picassos 'Guernica' kommen mir seit dem 24. Februar eher in den Sinn als diese 'Songs für den Frieden`. Ihre Sanftmut erscheint mir als Lüge angesichts eines Schreckens, den, um noch einen Spanier zu nennen, die Desastres de la guerra / Die Schrecken des Krieges von Goya eher zur Erscheinung bringen.

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Karl-Josef Müller schrieb uns am 13.04.2022 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Johann Holzner: Verblasste Bilder aus Dörfern der Ukraine
Eine imaginierte Kindheitswelt: Aharon Appelfelds Roman „Sommernächte“

Fangen wir – nochmals – mit dem ‚Großvater‘ an.
Entscheidend ist nicht, dass Janek angenommen wurde, er wurde vom Vater übergeben, vom Juden einem Christen anvertraut. Dieser Umstand wird in der Rezension nicht erwähnt. Nicht das Angenommensein ist wichtig, sondern die Tatsache, dass Janek nur als vermeintlicher Christ überleben konnte, siehe das Holzkreuz. Nimmt man dies nicht zur Kenntnis, kann man den Roman meines Erachtens nicht verstehen und ihm nicht gerecht werden.
Die Romanhandlung ist alles andere als realistisch, siehe etwa die herrenlose Kutsche. Und immer wird Pfeife geraucht und Tee getrunken.
Doch dann, nach einer zweiten Lektüre, erkannte ich im Text den Aharon Appelfeld wieder, den ich in den vielen
Romanen, die ich von ihm gelesen habe, ob seiner ganz eigenen Erzählweise so sehr schätze wie sein Werk mich auch irritiert. Es ist dieser ‚weiche‘ Ton, diese eher indirekte Erzählweise. Ja, ich hatte Schwierigkeiten mit den ‚Sommernächten‘, aber insbesondere einige Passagen, auf die in der Rezension nicht eingegangen wird, haben ein Umdenken bewirkt. Ich zitiere aus meiner Rezension:
„So träumt Janek, er ist gerade zehn Jahre alt geworden, kurz vor Kriegsausbruch von Pferden, „‘wie ich ihresgleichen noch nie gesehen habe. In ihrem Wiehern liegt ein starker Drang, und es ist klar – wir werden es nicht überleben, wenn sie uns vorwärtspreschend im Galopp überrennen.‘“
Und nochmals:
„Janek träumt von den Pferden an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Im zweiten Traum erscheinen sie zunächst weniger bedrohlich: „‘Dieses Mal standen wir auf grünen Wiesen. Die großen Pferde weideten still.‘“ Doch der friedliche Eindruck trügt: „‘Ich betrachtete sie. Ihre Augen sagten: ‚Ihr irrt euch. Der Drang und die Wut stecken noch in uns. Wir nähren sie im Stillen, und wenn der Tag kommt, flackern sie auf.‘“
Janeks Tante, der Janek den ersten Traum erzählt hatte, hatte noch versucht, das Kind zu beruhigen, die Ahnung des Unheils allerdings ist stärker. Und muss man nach dem 24. Februar bei diesen Worten nicht an den Krieg denken, dessen Ausbruch so viele nicht für möglich gehalten hätten?
Für meine Rezension habe ich den Titel „Vielleicht darf man gar nicht darüber sprechen“ gewählt, ein Zitat aus dem Roman. Als Dreizehnjährige hat Ruth Klüger ein Gedicht über ihren damaligen Aufenthaltsort Auschwitz geschrieben mit der vierfach wiederholten Zeile „Alles, alles wird verbrannt.“ Soweit ich weiß, blieb Appelfeld diese ‚Erfahrung‘ erspart, er konnte aus einem Arbeitslager fliehen und hat, wenn ich die zugänglichen biografischen Angaben richtig deute, eher an den Rändern der Katastrophe überlebt. Und genau diese Ränder werden in den ‚Sommernächten‘ beschrieben.
Am Ende des Romans ist klar erkennbar, dass die Eltern sowie alle Angehörigen von Janek ermordet wurden, in den Lagern, wie es heißt. Ist davon in der Rezension zu lesen? Und müsste man das nicht erwähnen, selbst wenn man Vorbehalte gegen den Ton des Romans hat und ihm, dem Roman, nicht so recht über den Weg traut?
Wer das Haupt der Medusa direkt anschaut, wird zu Stein verwandelt, nur der indirekte Blick ist erträglich. Doch auch dieser indirekte Blick verweist, wie der Traum, auf die Gewalt, die direkt anzuschauen nicht zu ertragen wäre:“‘Der Drang und die Wut stecken noch in uns. Wir nähren sie im Stillen, und wenn der Tag kommt, flackern sie auf.‘“

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Johann Holzner schrieb uns am 11.04.2022 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Johann Holzner: Verblasste Bilder aus Dörfern der Ukraine
Eine imaginierte Kindheitswelt: Aharon Appelfelds Roman „Sommernächte“

Noch einmal: Zu Aharan Appelfelds Roman „Sommernächte“

Karl-Josef Müller kommt in seiner Besprechung des Romans, in dem er „eine Art Märchenwelt“ konstatiert, „in der alles, was sich zuträgt, genau so hat kommen müssen, ohne dass nach dem Warum und Weshalb gefragt würde“, zu diesem Schluss: „Sommernächte – der Titel […] klingt alles andere als bedrohlich. So auch viele Passagen des Romans, in denen das beinahe meditative Wandern von Janek und Großvater Sergei durch einer [sic] freundliche Natur geschildert wird.“ –  Gut, Janek, „der eigentlich Michael heißt, ist nicht Sergeis leiblicher Enkel“; das ist richtig und wohl auch
tatsächlich wichtig hervorzuheben. Andererseits, für die Figuren und für den auktorialen Erzähler macht das keinen Unterschied, soll und darf es gerade in diesem Punkt keinen Unterschied mehr geben: ‚leiblich‘ oder ‚angenommen‘, Enkel ist Enkel, Sergei ist und bleibt für immer Janeks ‚Großvater‘. Im Übrigen ist es ist ja nicht so, dass hier ein jüdischer Vorname durch einen christlichen Namen ersetzt worden wäre; kommen doch beide Namen aus dem Hebräischen, beide aber sind im Deutschen wie im Polnischen weit verbreitet und wecken keine Konnotationen à la Abraham oder Moses. – Der Name Michael wurde jedenfalls auch nach 1938 nie in die vom Reichsminister des Inneren erstellte Liste jener „jüdischen“ Namen aufgenommen, die auf dem Boden des Dritten Reiches nicht mehr vergeben werden durften.

Appelfeld hat zahlreiche Auszeichnungen für sein literarisches Werk erhalten und auch verdient. Aber es ist dennoch, meine ich, nicht nur erlaubt sondern in einer Rezension geradezu geboten zu fragen, wie hier, in diesem Spätwerk, von der „Wanderschaft“ der beiden Landstreicher erzählt wird. Zunächst einmal: aus einer patriarchalen Perspektive, die an keiner Stelle reflektiert oder gar abgeklopft wird; und schließlich: in grenzenlosem Vertrauen auf eine dürftige Handlungs- und Dialogführung, die ein gestrenges Lektorat nie und nimmer so hätte akzeptieren dürfen.

Dialogführung. Sergei und Janek stoßen auf ihrem langen Weg zum Kloster Santa Maria immer wieder mit Obdachlosen und mit Straßenräubern zusammen, für welche Meditation nichts anderes ist als ein Fremdwort, und sie versuchen trotzdem ebenso geduldig wie beharrlich, diese Vagabunden zu einem gottesfürchtigen Leben anzuhalten … indem sie fortwährend über Gott reden und auch die „Bösen“ dazu aufrufen, auf Gott zu schauen und zu hören (während im Hintergrund die ersten Soldaten der Roten Armee schon auftauchen). – Kein Kommentar.

Handlungsführung. Den Schluss des Romans muss man, denke ich, nicht unbedingt verraten; aber im Hinblick auf den Handlungsablauf könnte und darf man gewiss konkreter werden. Beispiele: Es regnet häufig, gelegentlich tagelang. Janek findet dennoch immer und überall mühelos trockene Zweige, um ein Lagerfeuer anzufachen und Tee zu kochen; mehr noch, nachdem Großvater Sergei von einem Irrläufer getroffen wird und stirbt, findet Janek sogar augenblicklich eine herrenlose „Kutsche“, auf die er Sergei bettet mit dem Vorsatz, ihn „mit dieser Kutsche in sein Heimatdorf“ zu bringen, „damit er dort bei seinen Vätern bestattet werde“. Wenig später begegnet er (der bis dahin kaum einmal eine Ahnung gehabt hat, wo genau sie sich aufhalten) zum ersten Mal auf dieser Wanderschaft einem Wegweiser mit der Aufschrift „Iwanow – zwanzig Kilometer“. Er hat es also, weiß er somit, gar nicht weit mit seiner Kutsche bis zum Dorf des Großvaters. Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.  

„Janek wird den Krieg überleben, wie ja auch Aharon Appelfeld überlebt hat“, heißt es abschließend in Karl-Josef Müllers Rezension; im Roman ist indessen vom weiteren Schicksal Janeks nirgendwo die Rede: Die Darstellung Müllers gilt einem Wunschbild.

Johann Holzner

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Petra Brixel schrieb uns am 10.04.2022 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Redaktion literaturkritik.de: Songs für den Frieden und das Ende der Kriege

Ein differenzierter, nachdenkenswerter Kommentar, danke. Allerdings: "We shall overcome" und "Sag mir, wo die Blumen sind" mit Inbrunst zu singen, tut doch so gut und ist ein vielstimmiger, hörbarer Ausdruck von Hilflosigkeit und gefühlter Ohnmacht. Was bleibt uns, als zu singen, wenn "Frieden schaffen ohne Waffen" und "Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin" ausgedient haben?

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Karl-Josef Müller schrieb uns am 03.04.2022
Thema: Johann Holzner: Verblasste Bilder aus Dörfern der Ukraine
Eine imaginierte Kindheitswelt: Aharon Appelfelds Roman „Sommernächte“

Beginnen wir mit einem sachlichen Fehler, basierend auf ungenauer Lektüre: „Sergei, der sich hin und wieder Verse aus den Psalmen zu Gemüte führt, und Janek, sein Enkelkind, haben keine Heimat mehr und so ziehen sie von Dorf zu Dorf, man nennt sie Landstreicher.“
Janek, der eigentlich Michael heißt, ist nicht Sergeis leiblicher Enkel. Sergei ist ein ehemaliger Mitarbeiter von Janeks Vater. Er ist Christ, die Eltern von Janek sind Juden. Er vertraut diesem alten, blinden Mann seinen Sohn an in der Hoffnung, diesen vor der Verfolgung zu retten, die den Juden bevorsteht: „‘Nimm dieses kleine Bündel, da ist ein wenig Geld drin, die Eheringe von mir und meiner Frau und meine Armbanduhr. Morgen vertreiben sie uns aus der
Stadt.‘“ Zu seinem Sohn sagt der Vater: „‘Tu, was Großvater Sergei dir sagt. Das hier geht vorüber, und danach kehren wir heim.“
In der Rezension heißt es „Janek, ein kleiner Junge, dessen Eltern auf der Flucht sind, sein Vater ist Jude“ Der Rezensent erklärt den Roman für gescheitert, auch weil es sich hier, wie bei allen Büchern von Appelfeld, „um Transformationen des klassischen Heimatromans“ handele. Im Verhalten des Nenngroßvaters Sergei will der Rezensent das Verhalten der Russisch-Orthodoxen Kirche wiedererkennen, eine Behauptung, die angesichts des aktuellen Krieges von besonderer Brisanz erscheinen muss: „Der Kampf des Guten mit dem Bösen (nach wie vor ein aktuelles Thema in den Kathedralen der Russisch-Orthodoxen Kirche) wird von Sergei, der regelmäßig von seiner Militärzeit schwärmt und zugleich doch auch schon davon geträumt hat, als Mönch zu leben, zum Kerngedanken jeder Erziehung stilisiert. Der Roman freilich leidet darunter, weil er mehr und mehr auf den Pflöcken dieses pädagogischen Programms festgezurrt wird.“
Man kann, und ich denke man muss die Figur des Nenngroßvaters anders deuten. Er nimmt ein jüdisches Kind in seine Obhut und führt es auf verschlungenen Wege durch einen Krieg, dessen Ziel auch die Vernichtung allen jüdischen Lebens war. Was wäre geschehen, wenn die Tarnung aufgeflogen wäre? „Großvater Sergei setzte hinzu: ‚Verzeih mir, aber damit die Tarnung perfekt ist, hänge ich dir noch ein kleines Holzkreuz um. So erweckst du keinen Verdacht.‘“
Unerwähnt bleibt in der Rezension, womit dieser Roman endet. Janek ist mittlerweile alleine, sein Nenngroßvater ist tot, ihn „traf ein Irrläufer (...) in die Stirn.“ Janek trifft „auf eine Gruppe Flüchtlinge“: „Eine Frau (…) fragte: ‚Aus welchem Lager bist du?‘ ‚Ich war nicht im Lager.‘“ In den ehemaligen Lagerinsassen meint Janek, seine Leute erkennen zu können, ihre Gesichter „ähnelten den Gesichtern der Eltern, der Großeltern, der Onkel, Tanten und Cousins. Wenn er diese Gesichter nur genau betrachtete, so schien es ihm, würde er sie finden.“ Erinnern wir uns an die Worte seines Vaters: „Das hier geht vorüber, und danach kehren wir heim.‘“ Doch die Frau, die Janek angesprochen hat, kennt die schreckliche Wahrheit. Sie spricht die letzten Worte des Romans: „‘Gebt auf diesen Jungen acht. Das ist ein lieber Junge. Er hat niemanden auf der Welt.‘“
Die letzte Passage der Rezension lautet:
„Ungereimtes auf Ungereimtes, Widersprüchliches auf Paradoxes, geht jegliche Anschaulichkeit verloren und die ‚Wanderschaft‘ der beiden Landstreicher Sergei und Janek schließlich zu Ende, als wären, ausgerechnet auf diesem Schauplatz und in dem hier vorgestellten höchst-brisanten Zeitabschnitt, die Auswirkungen der NS-Politik und des Krieges kaum auszumachen und deshalb auch nicht unbedingt mit darzustellen gewesen.“
Selten habe ich eine Rezension gelesen, die einem Buch so wenig gerecht wird wie die hier vorliegende über Appelfelds Roman. Wer eine andere Beurteilung lesen möchte:
https://www.hagalil.com/2022/02/sommernaechte/

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